Dr. Kolja Deicke

 

 

"Viele Ärzte wünschen sich
verlässliche Teilzeitmodelle."


Aktuelle Position:

Facharzt für Anästhesiologie, Gesundheit Nordhessen Holding, Klinikum Kassel

Zur Person:
Dr. Kolja Deicke hat Medizin in Köln und Düsseldorf studiert. Seit 1999 arbeitet er als Anästhesist im Klinikum Kassel. Seit 2005 ist er Facharzt für Anästhesiologie und seit 2003 führt er die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Seit 2007 besitzt er die Zusatzqualifikation Leitender Notarzt. Er unterrichtet außerdem seit dem Jahr 2008 an der Krankenpflegeschule der Gesundheit-Nordhessen AG (GNH).

Ersten Kontakt zur Krankenhauspolitik hatte er als Assistenzarzt 2000 mit der Abschaffung von 30-Stunden Schichten in der eigenen Abteilung. Als Assistentensprecher setzte er 2006 ein Arbeitszeitkonto in allen ärztlichen Abteilungen mit Dokumentation der geleisteten Mehrarbeit durch.

Von 2006 bis 2014 war er teilfreigestelltes Mitglied im Betriebsrat der Klinikum Kassel GmbH und des Konzernbetriebsrat der GNH. Seit 2008 ist er auch Mitglied der Aufsichtsräte der Klinikum Kassel GmbH und der GNH.

Seit 2007 ist er stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bezirksverbandes Kassel. Seine berufspolitischen Schwerpunkte sind Tarifpolitik, Arbeitszeiten und Überstunden sowie familienfreundliche Arbeitszeiten.

Deicke ist verheiratet und hat drei Kinder.

Interview zur Kammerwahl

Wie erleben Sie in Ihrem Alltag das familienfreundliche Krankenhaus?

Dr. Kolja Deicke: Mir ist aufgefallen, dass sich schon bei Einstellungsgesprächen viele Ärzte nach Teilzeitmodellen erkundigen. Dabei geht es vor allem um individuelle Modelle, etwa dass Mütter oder Väter morgens später beginnen oder in kürzeren Schichten arbeiten möchten.

Weiterhin ist es gut, wenn ein Krankenhaus im Idealfall eine eigene Kindertagesstätte betreibt. Diese sollte sich dadurch auszeichnen, dass die Öffnungszeiten an die Schichtzeiten der Klinik angepasst sind, also dass bei einer Frühschicht das Kind auch schon um sechs oder sieben Uhr abgegeben werden kann und auch am Nachmittag die Öffnungszeiten entsprechend lang sind.

Wo sehen Sie in diesem Bereich noch Defizite?

Deicke: Bei vielen Chefärzten und auch Personalverantwortlichen gibt es immer noch den Wunsch, dass Ärzte Vollzeit und mit Überstunden arbeiten sollen. Teilzeitarbeitszeitmodelle werden nur im äußersten Notfall realisiert, weil sonst der Kollege die Klinik  verlassen oder nach dem Bewerbungsgespräch überhaupt nicht anfangen würde. Bei vielen Kollegen hat sich die Einstellung zu Arbeit und Freizeit grundlegend geändert, das muss noch in den Köpfen vieler Verantwortlicher realisiert werden.

Was muss sich an Kliniken noch ändern?

Deicke: Interne Abläufe müssen umgestellt werden. Etwa, dass sich Ambulanzzeiten an die Arbeitszeitwünsche der Mitarbeiter anpassen und nicht umgekehrt. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass erfahrene Ärzte, die sich eine Elternzeit genommen haben, wieder ohne Probleme an die Klinik zurückkommen können. Diesen muss eine Perspektive geboten werden. Das geht mit verlässlichen Arbeitszeiten und einem verlässlichen Dienstplanmodell. Wer das nicht einhält, wird gerade junge Ärzte verlieren.

Was erwartet der ärztliche Nachwuchs?

Deicke: Dass Strukturen in der Weiterbildung eingehalten werden. Auch regelmäßige Mitarbeitergespräche mit Festlegung der weiteren Ausbildungsschritte sind den jungen Ärzten wichtig. Ich habe mitbekommen, dass Kollegen, wenn die ihnen versprochenen Weiterbildungsinhalte nicht eingehalten werden, extrem schnell, meist noch in der Probezeit, wieder die Klinik verlassen. Dabei hat die Qualität und Verlässlichkeit der Weiterbildung einen hohen Stellenwert, Überstunden müssen gut begründet sein.

Stellen die Kliniken sich darauf ein?

Deicke: Verantwortliche in der Klinik müssen sich zwangsläufig auf die Bedürfnisse einstellen und werden offener. Chefärzte werden durch Personalabteilungen ermuntert, auch ärztliche Mitarbeiter Teilzeit arbeiten zulassen. In Kassel beispielsweise arbeitet mehr als die Hälfte meiner Kollegen in der Anästhesie mit reduzierten Verträgen. Bei uns funktioniertessehrgut.

Welchen Einfluss hat die Kammer?

Deicke: Die Kammer hat wenig direkten Einfluss. Sie kann beraten und unterstützen oder auch Beispiele von guten, familienfreundlichen Dienstplänen veröffentlichen und so versuchen, auf Chefärzte und Personalverantwortliche einzuwirken. Außerdem kann sie Fortbildungen im Bereich alternativer Arbeitszeitmodelle anbieten. Dies wäre auch ein Bereich,fürdenichmichinderKammereinsetzenwürde.

Den MB sollte man wählen, weil er als Vertretung der angestellten Ärztinnen und Ärzte sich nachhaltig für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle einsetzt. Es gibt dafür keine Alternative zum Marburger Bund.

Hier geht es zur Liste mit den hessischen Krankenhäusern mit Kita >>>