Dr. Lars Bodammer

2. stellv. Landesverbandsvorsitzender

 

"Es fehlt in vielen Kliniken
eine gelebte Weiterbildungskultur."

 

Zur Person:
Dr. Lars Bodammer setzt sich seit Berufsbeginn im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt für die Interessen der damaligen Ärzte im Praktikum, sowie für die Abschaffung des AIP ein. Nach sechsjähriger Weiterbildung im Bürgerhospital Frankfurt zum Facharzt für Innere Medizin wechselte er 2011 in die kardiologische Fachabteilung der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim.

Aktiv im MB:
Dr. Lars Bodammer ist seit dem Praktischen Jahr Mitglied im Marburger Bund, seit 2003 im Landesverband des MB Hessen. Seit 2005 ist er im Bezirksverband Frankfurt aktiv und war dort unter anderem Vorsitzender des Bezirksverbandes Frankfurt I. 2009 wurde er zum 2. stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes Hessen gewählt und ist seitdem Mitglied des geschäftsführenden Vorstand des Landesverbandes. Als hessischer MB-Vertreter ist er im Bundesverband Mitglied des Arbeitskreises für Weiterbildung.

Aktiv in der Ärztekammer:
Im Jahr 2008 wurde er Mitglied der Delegiertenversammlung der Landesärztekammer. Er ist  Mitglied des Weiterbildungsausschusses LÄKH. Für die Legislaturperiode 2013 bis 2018 ist er als Beisitzer ins Präsidium gewählt worden.


Interview zur Kammerwahl

Wie haben Sie selbst die Weiterbildung erlebt?

Dr. Lars Bodammer: Ich habe mich, wie viele meiner Kollegen, zu Beginn der Berufszeit nicht viel mit der Weiterbildung auseinandergesetzt. Schnell wurde mir aber klar, dass es in der Klinik, in der ich anfing, kein strukturiertes Weiterbildungskonzept gab.

Es sind auch bei mir ein bis zwei Jahre vergangen, bis diese Erkenntnis Form annahm, dass ich einen (selbst!-)strukturierten Plan brauche, um die geforderten Inhalte auch wirklich bis zur Facharztprüfung zu erwerben. Trotz eines kollegialen Arbeitsklimas in meiner Abteilung, gab es auch die bekannten Hindernisse, wie ein knapper Stellenplan, Überstunden und arztfremde, bürokratische  Zusatzaufgaben.

Was muss in der Weiterbildung verbessert werden?

Bodammer: Es klingt zwar etwas pauschal, aber es fehlt in vielen Kliniken eine gelebte Weiterbildungskultur. Weiterbildungsermächtigte, die ein Interesse daran haben, ihren Weiterzubildenden eine gute Weiterbildung mitzugeben und damit auch den Ruf ihrer Abteilung oder Klinik nach außen zu tragen, findet man immer weniger.

Wie haben Sie die hierarchische Struktur in Ihrer Abteilung erlebt?

Bodammer: Ich persönlich hatte immer ein kollegiales und respektvolles Arbeitsumfeld. Ich hätte aber auch sicher die Klinik gewechselt, wenn es solche Zustände gegeben hätte. Da hat sich eine deutliche Veränderung in den letzten zehn Jahren gezeigt. Die Bereitschaft zu wechseln ist heutzutage höher, was an dem arbeitnehmerfreundlichen Stellenmarkt liegt.

Gab es während Ihrer Weiterbildung aktives Fehlermanagement?

Bodammer: Nein. In den ersten Jahren meiner Weiterbildung nicht. Bei Fehlern vertraute man sich dem Oberarzt oder Chef an, je nachdem, wer der bessere Ansprechpartner war. Aber ein System, dass auch die anonyme Anzeige von Systemfehlern ermöglicht, gab es bisher nicht. Es wurden auch keine Anreize diesbezüglich geschaffen. Mittlerweile fordert das Qualtiätsmanagement und viele Versicherungen eine monatliche Zusammenkunft, um begangene Fehler und deren Vermeidung zu besprechen.

Was klappt in der Weiterbildung mittlerweile gut?

Bodammer: Es hat sich mehr Bewusstsein und vielleicht auch mehr Eigenverantwortlichkeit bei den Kollegen entwickelt, eine gute Weiterbildung auch einzufordern. Wenn man die Ergebnisse der Weiterbildungsevaluation und auch die Bewertungen im Weiterbildungs-Ranking des MB Hessen betrachtet, wird die Vermittlung von medizinischem Sachverstand und das evidenzbasierte Handeln als gut eingestuft.

Hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Weiterbildung von ökonomischen Zwängen der Klinik beeinflusst wurde?

Bodammer: Es wäre vermessen, zu behaupten, dass es ein Handeln frei von ökonomischen Zwängen gibt. Für die Kollegen in Weiterbildung sind es weniger die einzelnen medizinischen Akutentscheidungen, sondern vielmehr die Frage der Verweildauer eines Patienten in der stationären Behandlung.

Den MB sollte man wählen, weil wir die Einzigen sind, die angestellte Ärztinnen und Ärzte so umfangreich und engagiert berufspolitisch vertreten. Momentan sind wir im hessischen Ärzteparlament in der Minderheit: Wichtige Entscheidungen werden ohne wirksamen Einfluss des MB getroffen. Wir brauchen die Stimmen unserer Kolleginnen und Kollegen, um deutlich zu machen, dass es ohne den MB nicht geht.

Aktuelle Position:
Facharzt für Innere Medizin in der kardiologischen Fachabteilung der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim

Weiterbildung - Ein System im Wandel?

Bei der Weiterbildung ist es ähnlich wie bei der stetigen Verschiebung der Kontinentalplatten: Da muss man schon ganz genau hinsehen, um Entwicklungen und Veränderungen zu sehen. Ab und an kann es aber zu einem Erdbeben kommen, dann wenn wichtige Veränderungen die Zustimmung des Deutschen Ärztetages gefunden haben. Bis dahin ist es aber meist ein langer Weg.

Ich habe mich bereits daran gewöhnt: Veränderungen der Musterweiterbildungsordnung, nach welcher ein Jeder sich auf dem Weg zum Facharzt richten muss, müssen oft mehrfach bundesweit die Gremien der Fachgesellschaften, der Landesärztekammern und der Bundesärztekammer passieren, bevor sie in Kraft treten.

Wer sich mit den Strukturen des Weiterbildungssystems beschäftigt, wird feststellen, dass die Weiterbildung, wie sie die Weiterbildungsordnung vorsieht und die Weiterbildung, wie sie in hessischen Krankenhäusern stattfindet, sehr weit auseinander liegen.

Dies liegt meist daran, dass die geforderten Kenntnisse und Weiterbildungsziele, etwa die Untersuchungszahlen, in der geforderten Form nicht erbracht werden. Sei es, dass die Abteilung diese Untersuchungen nicht in entsprechender Zahl durchführt, oder, dass Ärzte in der Weiterbildungszeit überhaupt nicht in die entsprechenden Abteilungen „hineingelassen“ werden. Wenn dann am Ende der Weiterbildungszeit die Unterschrift des Chefs auf dem Formular für die Anmeldung zur Facharztprüfung steht, ist meist vieles wieder vergessen.

Ich habe erwartet, das in Zeiten des Ärztemangels, eine gute Weiterbildung als Aushängeschild einer Klinik mehr an Bedeutung gewinnt und auf diesem Wege auch kleinere Kliniken außerhalb von Ballungsgebieten einen Wettbewerbsvorteil entwickeln werden.

Aber zu meinem Erstaunen wird dieses Wettbewerbsinstrument überhaupt nicht merklich genutzt. Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen in der Weiterbildung entsteht der Eindruck, dass eher andere Gründe für einen Bewerbermangel gesucht werden, bevor an eine strukturierte Weiterbildung mit festem Curriculum oder verlässlichen Rotationsplänen gedacht wird.

Daher bleibt es einzelnen Weiterbildungsberechtigten überlassen, ihren Ärzten eine gute Weiterbildung zu bieten und den Kolleginnen und Kollegen nichts weiter übrig, als ihre vertraglich zugesicherte Weiterbildung einzufordern. Kritisch muss hinterfragt werden, welchen Anteil an dieser Entwicklung auch die Weiterzubildenden haben. Aber auch die Landesärztekammer als aufsichtsführendes Organ ist hier gefragt.

Derzeit gibt es viele Modelle für eine verbesserte Weiterbildungsstruktur: curriculare Systeme, Module oder Kompetenzstufen. Doch da sind wir wieder am Anfang: der Geschwindigkeit, mit welcher solche Konzepte angeschoben werden. Hier ist die Mitwirkung eines Jeden gefragt, damit Veränderungen sich schneller durchsetzen und qualifizierte Ärztinnen und Ärzte die Patientenversorgung verantwortlich übernehmen können!

Von Dr. Lars Bodammer