Das nächste Dreivierteljahr wird eine der spannendsten, wichtigsten und entscheidendsten Phasen in der inzwischen fast 58-jährigen Geschichte des Marburger Bundes werden. Der Grund liegt in der Verwandlung des BAT zum TVöD. Der TVöD hat mit der Tarifvereinbarung vom 9. Februar 2005 seinen Stapellauf erlebt.
Mit dieser Vereinbarung ist den beteiligten Tarifparteien eine große Verblüffung aller Nicht-Insider gelungen.
Aber der Grund für die besondere Bedeutung des kommenden Dreivierteljahres liegt darin, dass zurzeit noch keine Einigung darüber vorliegt, welche Beschäftigtengruppen welchen Feldern in der neuen Tarif-Matrix zugeordnet werden. Dabei müssen zum einen Übergangsregelungen für die heutigen Beschäftigten gefunden werden, die deren erworbene Rechte unangetastet lassen und im Blick auf internationale Konkurrenzfähigkeit der Vergütungen möglichst verbessern. Die gleiche Arbeit wie bisher kann ja nicht plötzlich weniger wert sein, weil die alte Tabelle abgelöst wird. Zum anderen müssen die Einstiegsfelder für neue Beschäftigte definiert werden. Und hier soll das Versprechen erfüllt werden, dass es am Beginn der Berufslaufbahn mehr Geld gibt als bisher.
Die Verhandlungen über diese Fragen – so prognostiziere ich es – werden uns die kommenden Monate in Atem halten, denn von ihrem Ergebnis hängt ab, wer in Zukunft mit welcher Tätigkeit wie viel verdient. Bis zum Herbst bleibt in puncto Vergütung erst einmal alles wie bisher, aber dann kommt die Stunde der Wahrheit.
Schon jetzt ist klar, dass man Ärztinnen und Ärzte mit Beginn der Berufslaufbahn oder bei Stellenwechseln nicht einfach in die Anfangsfelder der neuen Matrix einsortieren darf, denn das hätte keine Verbesserung, sondern massive Verschlechterungen gegenüber der bisherigen Vergütungssituation zur Folge. Natürlich sind Ärztinnen und Ärzte zum Zeitpunkt des Berufseinstiegs nach meist mindestens 13 Jahren Schule, mindestens sechs Jahren Studium und mit einem einjährigen Praktikum (Praktisches Jahr) mehrere Jahre älter und wesentlich qualifizierter als diejenigen, für die man die sonst voraussichtlich einschlägigen Anfangsfelder der Tarif-Matrix konzipiert hat. Beim Wechsel zu höherwertigen Matrixfeldern ist auch zu berücksichtigen, dass die Berufslaufbahn und Spezialisierung praktisch unausweichlich Stellenwechsel erfordert. Aber wie diese Fakten im Einzelnen ihren Niederschlag in der tariflichen Eingruppierungsrunde finden, muss nun in einem vermutlich relativ komplizierten Prozess ausgehandelt werden.
Der Marburger Bund ist in diesem Prozess ohne Zweifel die wichtigste und aus unserer Sicht die einzige authentische Stimme der Ärztinnen und Ärzte. Für Vereinbarungen sind im Rahmen des TVöD aber natürlich auch die anderen Gewerkschaften und die Arbeitgeberseite essenziell. Es kommt jetzt entscheidend darauf an, mit welcher Klarheit der Marburger Bund zu hören ist und welche Unterstützung er von der Basis erhält. Wir werden die kommenden Wochen nutzen, um diese Zusammenhänge auf zahlreichen Bezirksversammlungen unseres Landesverbandes zu erläutern.
Eine besonders aktuelle Gelegenheit für die Unterstützung des Marburger Bundes von der Basis können die bevorstehenden Kammerwahlen in Nordrhein bis zum 13. Mai und in Westfalen-Lippe im Herbst sein. Dort geht es natürlich nicht direkt um Tarifpolitik, aber ich werbe dafür, diese Kammerwahlen neben allen weiteren berufspolitischen Aspekten auch zu einem ärztlichen Plebiszit für eine faire Vergütung ärztlicher Arbeit zu machen. Je besser wir bei diesen Wahlen abschneiden, desto besser sind die Aussichten, unsere Sicht der Dinge im Tarifprozess zur Geltung zu bringen, auch mit Unterstützung der Kammern. Nachlässigkeit, Uneinigkeit, fehlende Wachsamkeit und Gleichgültigkeit können wir uns in diesem Prozess unter keinen Umständen leisten. Wenn der Marburger Bund je die Unterstützung der gesamten ärztlichen Basis an den Krankenhäusern gebraucht hat, dann jetzt. Auch dem Letzten unter den Kolleginnen und Kollegen muss es klar sein, dass jetzt ein Entscheidungsprozess abläuft, dessen Resultat vermutlich für Jahre über die ökonomische Bewertung ärztlicher Arbeit entscheidet.
Ich bitte Sie deshalb sehr, sehr herzlich um Ihre volle Unterstützung, nicht mir und dem Vorstand des Landesverbandes zuliebe, sondern in Ihrem ureigenen persönlichen Interesse. Ich bin sicher, dass wir erfolgreich sein können, wenn wir zusammenrücken.
Rudolf Henke, Vorsitzender des Landesverbandes NRW/Rheinl.-Pfalz
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