Noch immer gibt es hier Neues zu erleben - da will ich meine Berichtsserie fortsetzen - es sei denn, Ihr könnt das Wort "Antarktis" schon nicht mehr hören (lesen).
Das Neue Jahr hatte uns zunächst nicht gerade mit "Kaiserwetter" verwöhnt. Die Wissenschaftler und Techniker, die ein großes Flug-Messprogramm absolvieren wollten, wurden, ebenso wie die Piloten unserer Polarflugzeuge, langsam kribbelig. Der Durchbruch kam am 7. Januar: schon morgens war es nahezu windstill, wolkenlos, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein über der Eisfläche. Die Flieger starteten zum Ice-Rise, um dort ein seismologisches Messgerät auszubringen. (Ein Ice-Rise ist eine Erhebung unter der Eismasse, über die das Eis "hinwegfließen" muss. Dadurch entstehen drum herum viele Gletscherspalten! Man sieht sie ein Ice-Rise von Ferne als rundliche, abgegrenzte Erhöhung, meist nicht sehr hoch, nur 100-200m. Es ist vollständig von Eis überzogen!) Auf diesem Ice-Rise war noch nie ein Mensch oder Flugzeug - vieles wird hier zum ersten Mal betreten! - Nun ist das Programm "im Kasten".
Zu Euren Fragen: Was sind "Sommergäste"? Es sind Menschen mit vorgegebenen Aufgaben, die nur im antarktischen Sommer zu erfüllen sind. Dazu gehören Wissenschaftler vom AWI oder Universitäten, bestimmte Techniker, die hier z.B. die Standleitung erweitern werden, oder aber auch die Baumannschaft, die die Station erhöhen, verändern, umbauen. Nur Touristen "Gäste" - die sind nicht dabei! Es ist also nicht möglich für Euch, mich hier einfach als "Sommergast" zu besuchen, es sei denn, Ihr habt ein vom Umweltbundesamt genehmigtes(!!!!) Forschungsprojekt!
Mit der Chemikerin und noch zwei weiteren Personen fuhren wir hinaus aufs Meereis, um zunächst Eisberge zu besuchen, die Robben zu begrüßen und nach den Pinguinen zu schauen. Letztere lösen ihre Kolonie zusehends aus - die Alten haben wir am Wasserloch (Polynia) beobachtet, wo sie nach Krill und Fischen tauchen, die Jungen gehen in Cliquen an den Rand des Wassers, aber ihr Gefieder erlaubt noch nicht zu schwimmen. Sie mausern sich noch! Das eigentliche Ziel jedoch war die Entnahme von Schneeproben aus einer vorgegebenen Gegend und Höhe - ein 1m tiefer Schacht wurde in den Schnee geschaufelt, unten endete er auf dem Meereis! Aus der Wand entnahm die Chemikerin in definierten Höhen Schneeproben (mit Gummihandschuhen!), bestimmte die Dichte des Schnees in verschiedenen Höhen. Diese Untersuchungen sollen für spätere Dicken- und Qualitätsmessungen dienen, wenn man die Eisdicke vom Satelliten aus bestimmen wird!
Dieser "Sterntag" war noch nicht zu Ende: als wir gegen 21h heimkamen, hatten wir die Chance, einen Rundflug über unsere nähere Umgebung mitzumachen. Er diente insbesondere der Kenntnis der uns umgebenden Gefahren, wie Spalten, verschüttete Inlets, usw. Diese Dinge, die auf den "handgestrickten" Karten alle eingezeichnet sind, kennen wir zwar, doch so eindrücklich wie aus der Luft hatten wir sie nicht kennen gelernt! Jetzt ist uns deutlicher klar geworden, warum wir uns nicht außerhalb der markierten Strecken zu bewegen haben. Zusätzlich war natürlich der Flug über Eis und offenes Wasser, über die Robben, über die Pinguine und die Eisberge ein ganz besonderes Erlebnis, das seinesgleichen sucht! Dunkelblaues, offenes Wasser, dann wieder kleine und große Schollen, die steil aufragende Schelfeiskante, und die Eisberge, von der tief stehenden Abendsonne angestrahlt! Es fehlen mir die Worte! -
2 Tage später kam von unseren Leuten auf dem Inlandeis in 3000 m Höhe ein Hilferuf - Höhenkrankheit, die sich nicht bessert! Ich machte meinen ersten Rettungsflug auf die Höhe, um unseren Patienten auf Meereshöhe zu holen. Die Flugzeit von 1 1/2 Std. über die tief gelegenen Eisflächen, dann über die aufragenden Gebirge mit den sich ausbildenden Spalten im Eis, dann die Riesen-Eiswüste in der Höhe - wer kann das beschreiben? Der Anblick über dem Inlandeis zeigte genau zwei Dinge: die untere Hälfte der Welt war schneeweiß, keine Tiere, keine Pflanzen, keine Steine - einfach weiß! Und oben, die andere Hälfte: einfach blau! Keine Wolke, nur am Zusammentreffen der beiden Hälften war ein Übergang von Weiß über milchiges zu strahlendem Blau zu sehen. Plötzlich darin eine Fahrspur - menschliche Hinterlassenschaften unserer Leute! - Wir packten unseren Patienten bei -30° flink in den Flieger, verwöhnten ihn mit Sauerstoff und brachten ihn heil herunter nach Neumayer. Schon hier unten ging es ihm besser, nach 16 Std. Schlaf kam der Appetit wieder, seine Gesichtsfarbe normalisierte sich!
Ein neues, tägliches Highlight waren dann die morgendlichen Funkkontakte mit unserem Versorgungsschiff "Polarstern", das vor wenigen Tagen bei uns anlegte und uns mit hunderten Kisten, Kästen, Arktik-Diesel und Containern versorgte, darüber hinaus mit den Resten einer an Bord grassierenden Grippe. Sie legte am Nordanleger an, das ist eine Abbruchkante des Schelfeises, die Eisdecke ragt etwa 10m über dem Meer hinaus und ist nur mit ganz dünnem Schnee bedeckt. Vom Schiff sah man lediglich die obersten Aufbauten - ein merkwürdiger Anblick! - Während die Techniker die Entladung über 1 1/2 Tage bewerkstelligten, wurde "Neumayer" zum Touristenziel: mit einem Helikopter-Shuttle kamen sowohl unsere Sommergäste wie die Tagesgäste der Crew zu uns und besichtigten unsere Station. Viel Abwechslung - und eine Tätigkeit als Hostess für mich… Der wissenschaftliche Chef des AWI besuchte uns erstmalig, gleichzeitig machte er einen Freundschaftsbesuch bei unseren direkten Nachbarn, SANAE, die Station von Südafrika. Ich war aufgefordert, ihn dorthin zu begleiten im Flugzeug, zurück brachten uns die Gastgeber in ihrem Super-Puma-Helikopter! Die Station liegt unglaublich schön auf einer Felsspitze - wie die Burgen am Rhein! Sie ist riesig gebaut, wie eine Weltraumstation, und aus den Laboren genießt man einen traumhaften Blick in die Berge der Umgebung. Im Auftrag unserer Geophysiker überbrachte ich eine Botschaft, die Zusammenarbeit mit ihnen soll intensiviert werden und unsere Geos auch noch hinfliegen! Ein deutschstämmiger Südafrikaner lag gerade im Hospital mit einer Sprunggelenkskuxationsfraktur, ich wurde nur beratend tätig. Die "Internisten" riefen erschreckt am Folgetag an, die Fraktur sei jetzt völlig verschoben, seit sie den Gips gemacht hätten. Nach weiterer tel. Beratung und Anlegen der Drahtextension durch die "Internisten" ist nun wohl alles gut, er wird in Kapstadt operiert werden! Nach unserer Rückkehr saßen wir mit den SA natürlich noch lange gemütlich bei uns zusammen, ehe sie den Heimflug antraten, ausgestattet mit einigen Dosen deutschen Bieres! Das sind schon wunderbare "Schmankerl", die ich da genieße… - Zwischenzeitlich habe ich etwa sieben Kisten mit allen möglichen Sachen für das Hospital ausgeräumt, zahlreiche Grippekranke behandelt und gepflegt, eine ganz zähe Tendovaginitis in Therapie, Essenscontainer mit ausgeräumt und eine große Rampe im Rahmen eines "social events" von 1,5m Schnee frei geschaufelt - Knochenarbeit! Gut, dass viele kräftige junge Männer hier sind! - Mit den Sommergästen kam viel arbeitsame Unruhe zu uns, ich werde in den kommenden Tagen schauen, dass ich noch ein bisschen mehr von deren Forschungsprogrammen erfahre - wie entsteht das Wetter, warum bebt die Erde täglich mind. 12-15 mal, wie kommt der Umweltschmutz in den Schnee, usw. Wenn ich mehr darüber weiß, berichte ich! - Als besondere Freude erhielt ich heute meine persönlichen Kisten, von denen ich mich Anfang Oktober getrennt hatte, und darin war vor allem meine "Musik", die hatte ich schon vermisst! Die ersten Bilder kleben an der Wand und machen meine Zimmerchen zu "meinem". Und unter dem Schreibtisch liegt mein heimischer Teppich - so fühle ich mich weiterhin wohl. Noch erlebe ich jeden Tag etwas Neues, die Eisberge sind mir noch lange nicht über!
In wenigen Tagen wollen uns sechs Briten der westlichen Nachbarstation Halley, 790 km entfernt, besuchen. Sie studieren den Aufbau unserer Spurenobservationshütte und werden auch eine errichten. Da werden sie einen 1,5 km langen Fußweg machen müssen - aus dieser Hütte blickt die webcam über "Neumayer"!. Vielleicht habt Ihr Glück und seht sie per Internet! - Seit gestern ist der Polartag vorbei: die Sonne hat mit ihrem Unterrand den Horizont berührt! Doch natürlich ist es immer noch hell. - Für den 5.2. hat man uns eine partielle Sonnenfinsternis angesagt - hoffentlich ohne Wolken!
Euch allen im Norden herzliche Grüße!
Eure Ulla Stüwe.
Reise in die Antarktis 1999, Teil: 4
Während der gesamten Zeit der Expedition ist eine Kommunikation mit Frau Stüwe über das Internet möglich: ustuewe@awi-bremerhaven.de. Sie wird sich sicher über E-Mails aus der Wärme freuen.
Noch 15 Monate wird Frau Stüwe in der Station "Neumayer" arbeiten. Wie es in der Umgebung der Station aussieht, ist über eine Webcam zu verfolgen. Wenn das Bild nur weiß ist, liegt das nicht an einem Defekt der Kamera, sondern meist an einem Schneesturm, wie ein Blick auf die 24-Stunden-Übersicht lehrt. Hier die Erläuterung, was dabei zu sehen ist!
Weitere Infos: Antarktisforschung des AWI.