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Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V.

 

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Expeditionsärztin in der Antarktis

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2. Bericht von MB-Mitglied Dr. Ulla Stüwe

Inzwischen lebe ich nun schon über 2 Wochen in der Antarktis in der Neumayer-Station - so langsam entwickelt sich ein Realitätsgefühl. Ich hatte gedacht, meine Seele würde nur bei Flugreisen langsamer sein, doch offenbar ist sie es bei Schiffsreisen auch! So ganz langsam kommt auch sie bei mir an!

Meine neues Domizil liegt etwa 20 m unter der Eisoberfläche eines Gletschers von 200 m Dicke. Dieser Gletscher schwimmt auf dem Meer, er wird hier "Schelfeis" genannt. Von ihm brechen in einer Entfernung von etwa 8 km von Zeit zu Zeit große Stücke ab, die man dann als Eisberge treffen kann. Diese Abbruchkante ist hier etwa 20 m hoch, weiter östlich in der Nähe unserer südafrikanischen Nachbarn (227 km!) ist sie mind. 40 m hoch und wunderbar geschichtet durch den jährlichen Schneezutrag - wie Baumringe! Wir bewegen uns in unseren Röhren mit einer Geschwindigkeit von 150 m/Jahr auf die Abbruchkante zu, dafür "sinken" wir aber - ebenfalls durch den jährlichen Schneezutrag - tiefer nach unten. In den kommenden Wochen werden z.B. die Treppentürme um etwa 5 m erhöht, das ist alle 2 Jahre nötig. - Unsere Wellblechröhren mit einer Länge von je 100 m und einem Durchmesser von 8 m sind innen ausgestattet mit waagerecht eingeschobenen Wohncontainern auf großen Stützen, die wir in unserer Zeit 1-2 x werden nachjustieren müssen. Die Oströhre dient der Ruhe und Erholung, die Weströhre der Arbeit und der sozialen Kontakte durch Küche, Messe, Hospital, Funk- und Telefonraum. Sie sind verbunden durch eine Verbindungsröhre, die man auf dem Weg zur Toilette passieren muss mit einer Temp. von -6°. Dort hält man sich verständlicherweise nicht lange auf. Für die zahlreichen wissenschaftlichen Langzeit - Forschungen ist ein großer Fuhr- und Maschinenpark notwendig, nicht zuletzt auch, um große Entfernungen zu überwinden. Eine hervorragende Werkstatt für nahezu alle Handwerksberufe gestattet eine perfekte Wartung und technische Versorgung! Hier habe ich z.B. 50 Flaggen für eine Flugzeuglandepiste in 3000 m Höhe hergestellt. In diesem Gebiet, etwa 800 km von uns entfernt, soll in diesem Jahr ein vorbereitendes Camp für Tiefeisbohrungen im nächsten Jahr eingerichtet werden, dann können später Bohrkerne aus 2000 m Tiefe gewonnen werden, die uns Auskunft geben über die Klimageschichte unserer Erde. Dadurch konnten z.B. schon einige frühere Hungersnöte erklärt werden, denn auch große Vulkanausbrüche bleiben hier nachweisbar!

Meine Aufgabe hier - neben der medizinischen Versorgung - ist es, für einen geordneten Ablauf der Station zu sorgen, Gegenstände, Geräte, Instrumente zu beaufsichtigen und ggf. für Reparatur etc. zu sorgen, das Essen und die Trinkwasserqualität zu überwachen, viele Verwaltungsaufgaben zu erledigen und natürlich, Kontakte nach außen und zu all unseren Nachbarn zu pflegen - nach SANAE (Südafrika), HALLEY (Britisch), NOVOLAZAREVSKAYA (Russisch), ROTHERA (Argentinisch), AMUNDSEN - SCOTT am Südpol (USA), usw. Das Leben hier läuft in einem ganz anderen Rhythmus ab, als wir es von Mitteleuropa her kennen - schon allein durch die dringend benötigte Kleidung kann man sich nur halb so schnell bewegen, Arbeiten mit dicken Lederhandschuhen brauchen länger, der Wind mit der Stärke 6 -7 oder mehr plagt oder macht sie gar unmöglich. Man hat mir hier erklärt, dass alles langsamer gehe als daheim - so ganz will ich das noch nicht glauben. Je besser ich mich akklimatisiert habe, desto schneller gehen mir die Sachen von der Hand. Abwarten!!

Es gibt hier reichlich Schönes zu erleben: bei Kälte und strahlender Sonne hat man einen Blick weit über das Eis bis in die Atkabucht, 8 km von uns entfernt. Dort sind jetzt noch zahlreiche Eisberge aller Formen eingefroren. Wenn in den kommenden Wochen das Meereis auftaut, haben sie die Chance, nach Norden zu schwimmen. Doch zunächst werden sie mit der Strömung rund um den Kontinent driften! - Ein ganz besonderes Erlebnis war es für mich, mit meinem Vorgänger einen stillgelegten Gang, ausgehend von einer unserer Wohnröhren, im Gletscher zu besuchen. Darin findet sich eine wahre "Märchenhöhle" - hier wachsen bis zu 6 x 7 cm große Eiskristalle, durchscheinend, mit einer unglaublich schönen Struktur. Die ganze Höhle ist voll davon, das Taschenlampenlicht glitzert aus allen Ecken und wird reflektiert und gespiegelt. Ich freue mich darauf, hier jede Woche meinen (vorgeschriebenen) Kontrollgang durchführen zu können - schon wegen dieses Anblicks ist es ein Genuss! Außerdem lacht dabei das Fotografenherz!

Und dann die Pinguine: Beim Entladen des Schiffes haben sie uns schon mehr oder weniger interessiert begrüßt! Sie werden in den nächsten Tage an der Station erwartet, denn die "Halbstarken" fühlen sich hier während ihrer Mauser wohl. (Keiner weiß, warum!) Dafür sei aber das Einfüllloch der Schneeschmelze (unsere Wasserbereitung!) voller Federn und Fett.

Im Zuge der Vorbereitungen der Tiefeisbohrungen, ca. 800 km im Südosten, herrschte auf Neumayer bis vor wenigen Tagen rege Aktivität - Container und Pistenbullys, mobile Tankstellen, Nahrungsmittel, Notfallkoffer, Medikamente, Flaggen, Werkzeug - alles muss hergerichtet und zusammengepackt werden für die "Traverse". Etwa 10 Personen (Techniker, Logistiker, Wissenschaftler) machten sich zusammen auf den Weg - und man darf in diesem Kontinent nichts, aber wirklich gar nichts vergessen! Das fehlt dann unweigerlich und kann nicht ersetzt werden. Und dann traf die Leute noch das Pech, dass am Tag vor dem geplanten Aufbruch die Achse des schwersten Schlittens brach. Er musste weit über die Hälfte von schweren Stahlträgern geräumt werden, ehe der Pistenbullykran ihn anheben konnte, um einen intakten Schlitten darunter zu schieben! Somit verzögerte sich die Abreise um einen Tag. Der Abschied war herzlich und würdig - es besteht jetzt dauerhafter Funkkontakt! - Nun wird es - bis zur Ankunft der "Polarstern" - noch mal ruhiger werden, ehe dann die eigentlichen Sommerarbeiten beginnen, um die Station lebensfähig zu halten. Diese Zeit will ich nutzen, mich mit dem gesamten medizinischen Gerät vertraut zu machen: OP-Tisch (na ja, das geht ja noch!), Narkosegerät, Mobilette zum Röntgen, Zahnröntgengerät, Zahnbohrer, und dazu: wo liegt was?! Weihnachtsgrüße für die ganze Welt wollen verschickt werden, dazu Verwaltungsaufgaben wie überall! Und dazwischen freue ich mich, einen Blick aus "meiner Röhre" werfen zu können und die einmalige Landschaft (Eisschaft!) zu genießen. Sicher steht auch noch ein Besuch der Pinguinkolonie auf dem Meereis auf dem Programm - DAS beliebte Ausflugsziel hier! (Es gibt kaum andere!) Die Fahrt herunter von der Schelfeiskante auf das Meereis muss traumhaft sein!

Das Wetter kann man hier nie vergessen - es bestimmt maßgeblich unsere Arbeiten! Gestern hatte ich "Schmelzendienst", d.h. man muss die Station 3 x mit frischem Wasser versorgen, indem die Schneeschmelze voll geschaufelt wird. Das war besonders mühsam: bei Windstärke 8-9 erlebte ich meine erste Drift. Dabei bläst der Sturm winzige Schneeflocken waagerecht in sämtliche Ritzen und Spalten und besonders gern in verschlossene Taschen - wie Staub! Innerhalb weniger Stunden war unser tiefes Loch von 1,50m komplett zugedriftet, und wir hatten inmitten des Sturmes diese Arbeit 3 x zu tun. Dafür durften wir aber auch die Waschmaschinen benutzen, die Messe und Sanitärräume putzen und den Müll wegbringen! Ich weiß jetzt, dass die Antarktis der windigste Kontinent der Erde ist! Ich hab's am eigenen Leib gespürt, als ich bei Windstärke 8 auf ein Alustangengestell kletterte, um Messgeräte wieder anzubringen! (Je oller, je doller!)

Am 4. Advent feierten wir den Geburtstag eines jungen Wissenschaftlers, der hier Forschungen in Gravimetrie macht und nicht forschen kann, weil die dafür notwendigen Polarflugzeuge nicht herbei kommen konnten - sie saßen Punta Arenas 10 Tage, in Rothera 3 Tage, in Halley - nur 3 Stunden von uns entfernt, 4 Tage fest. An Heiligabend schwebten sie endlich wie "Weihnachtsmänner" ein und konnten an unserem ausgedehnten Festessen teilnehmen! Am 1. Feiertag ging wegen des Windes schon wieder nichts mehr! Ihr merkt - Wettervorhersagen gewinnen hier unglaublich an Bedeutung! - Das Weihnachtsfest begingen wir mit einer langen, schönen Feier nach dem Festtagsessen - für die privaten, eigenen Feiern zogen sich die Bewohner vorübergehend in ihre Zimmerchen zurück. Der Weihnachtsbaum hatte der Messe eine festliche Stimmung verliehen, und überall standen Plätzchenteller, wie es sich für Weihnachten gehört!

Die Platzwunden, Sonnenallergien, Gletscherbrände meiner ersten Patienten sind geheilt! (Hier heilen alle Wunden erheblich langsamer - keiner weiß, warum!)

Für "2000" und die nachfolgenden Jahre alles Gute! Eure Ulla Stüwe!

Reise in die Antarktis 1999, Teil: 2

Während der gesamten Zeit der Expedition ist eine Kommunikation mit Frau Stüwe über das Internet möglich:  ustuewe@awi-bremerhaven.de. Sie wird sich sicher über E-Mails aus der Wärme freuen.

Noch 15 Monate wird Frau Stüwe in der  Station "Neumayer"  arbeiten. Wie es in der Umgebung der Station aussieht, ist über eine  Webcam  verfolgen. Wenn das Bild nur weiß ist, liegt das nicht an einem Defekt der Kamera, sondern meist an einem Schneesturm, wie ein Blick auf die  24-Stunden-Übersicht  lehrt.

Weitere Infos:  Antarktisforschung des AWI .

 

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www.mbhessen.de/aktuell/stue9929.htm
Stand: 05.01.2000 Verantwortlich:  
Prof. Dr. H. Kuni