Über die Freiheit des ärztlichen Berufes

Der Beruf des Arztes soll frei ausgeübt werden können, zum Wohle des Patienten ohne Ansehen seiner persönlichen, finanziellen oder religiösen Umstände. Wenn wir uns die Skandale der letzten Monate und die ein oder andere „Sauerei“ aus der eigenen klinischen Erfahrung vor Augen führen, könnte man meinen, die Ärzte hätten das Recht auf die Freiheit ihres Berufes verspielt.

Wir werden zunehmend als geldgierig und industriehörig wahrgenommen. Warum sollte der ärztliche Beruf frei sein sollte, was passiert, wenn diese Freiheit aufgegeben wird und welche Verantwortung übernehmen wir, wenn wir diese Freiheit für uns einfordern?

Warum sollte der Beruf des Arztes frei sein?

Die Pflicht des Arztes ist es, dem Hilfe suchenden Menschen beizustehen. Um diese Pflicht erfüllen zu können, muss der Arzt frei sein von anderen Pflichten. Das heißt ausdrücklich nicht, dass wir tun und lassen können, was wir wollen. Aber es heißt, im Zentrum unserer Bemühungen steht der Patient - nicht die Klinik, nicht die Versicherung, aber auch nicht der eigene Verdienst. Wenn wir den Patienten in seiner Not und die Ursachen dieser Not verstanden haben, dann können wir versuchen, diese Not zu lindern oder gar zu beseitigen.

Sobald wir schon im Prozess dieses Verstehens die Interessen Dritter berücksichtigen können wir unserer eigentlichen Aufgabe, ökonomisch formuliert unserem Kerngeschäft, nicht mehr nachgehen. Erfüllen wir aber diese Aufgabe nicht mehr, sondern beugen uns gefühlten oder tatsächlichen ökonomischen Zwängen, so machen wir die ärztliche Tätigkeit zum Objekt externer Interessen.

Aus ökonomischer Sicht wird uns vorgeworfen, wir handelten zum Schaden der Allgemeinheit, hätten wir nicht in jeden Einzelfall die objektiv limitierten Ressourcen im Blick. Hier beginnt der systematische Fehler. Sobald der Arzt sich abseits der medizinisch sinnvollen Pfade bewegt, besteht die Gefahr regelhaft Fehlanreizen zu erliegen.

Lukrative Fallgruppen werden bevorzugt

Dies ist regelmäßig bei den Änderungen des DRG Systems zu beobachten. Patienten werden in ökonomischen Fallgruppen zusammengefasst, Ärzte und Geschäftsführer können in die Versuchung kommen, Behandlungspfade nicht mehr nach den medizinisch notwendigen und sinnvollen Grundsätzen zu gestalten, sondern nach der monetär besten Erlöskonstellation. Es werden Fallgruppenstatistiken und nicht mehr Diagnosestatistiken zur Planung von Strukturen herangezogen. Das führt unter anderem dazu, dass lukrative Fallgruppen strukturell bevorzugt werden.

Das Instrument der Zielvereinbarung zwischen Chefärzten und Geschäftsführung kann dann schlimmstenfalls zur Folge haben, dass zum Erreichen dieser Zielvereinbarungen Patienten mithilfe von nicht indizierten Prozeduren in lukrative Fallgruppen befördert werden. Dies geschieht unter bewusster Inkaufnahme, dass an anderer Stelle die Mittel fehlen, um Patienten eine tatsächlich erforderliche Behandlung gewähren zu können.

Am Anfang dieser Kausalkette steht die freiwillig aufgegebene Freiheit des Arztes. Eine objektive und verantwortungsvolle Betreuung der uns anvertrauten Menschen ist daher die beste und ökonomischste Handlungsweise. Alles andere schafft letztendlich den Arzt als eigenständige und notwendige Berufsgruppe schleichend ab.

Autor: Dr. Christian Schwark, MB-Kandidat für die Kammerwahl

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