Auswanderung einer Ärztin: ifo berechnet Folgekosten falsch

Entgangene Einnahmen von 1,075 Millionen Euro für öffentliche Kassen berechnete das ifo-Institut München (CESifo-Gruppe) als Folge der Auswanderung einer deutschen Ärztin, die während der Facharztweiterbildung im Alter von 30 Jahren den hiesigen Arbeitsbedingungen den Rücken kehrt.

Eine Pressemitteilung dazu wurde in vielen Medien und auch von deutschen Berufspolitikern zitiert. Der Erstautor der Studie und Bereichsleiter „Sozialpolitik und Arbeitsmärkte“ am ifo-Institut Dr. Christian Holzner schlussfolgerte: „Unsere Berechnung zeigt, wie wichtig es ist, die Abwanderung von Fachkräften zu verhindern. Dafür muss die Politik durch die Gestaltung des Steuer- und Abgabensystems die richtigen Anreize schaffen. In Anbetracht der zunehmenden Zahl von qualifizierten Auswanderern besteht dafür ein hoher Handlungsbedarf“.

Bevor sich nun Kollegen mit Auswanderungsabsichten zu viele Gedanken über den von ihnen vermeintlich verursachten Schaden in den öffentlichen Kassen machen, empfehlen wir ihnen die StudieFiskalische Wirkungen der Auswanderung ausgewählter Berufsgruppen” selbst zu lesen.

Dort wird in zwei Tabellen die Bilanz der Einnahmen und Ausgaben der öffentlichen Kassen dargestellt. Der gesetzlichen Rentenversicherung werden Einnahmen durch Beitragszahlungen einer bleibenden Ärztin von 361.800 € und Ausgaben von nur 159.900 € zugerechnet, also eine positive Bilanz von 201.900 €. Da sich bis zu einer Auswanderung Beiträge von 31.100 € errechnen, sieht das ifo-Institut allein hier eine Bilanzlücke von 170.800 €.

Was dabei übersehen wurde: Eine Ärztin ist Pflichtmitglied im berufsständischen Versorgungswerk ihrer Berufsgruppe, in dem sich alle durch ihre Einzahlungen den Anspruch auf eine individuell berechnete Alterrente erwerben. Durch eine Auswanderung trägt die Ärztin zwar nicht mehr zum Risikoausgleich im Versorgungswerk bei, schadet aber der Bilanz für die anderen Mitgliedern nicht. Erst recht existiert die der Ärztin zugeschriebene Bilanzlücke der gesetzlichen Rentenversicherung durch eine Auswanderung nicht.

Vor einer Kritik der Studie haben wir natürlich den Autor Dr. Holzner um eine Stellungnahme gebeten. Hier ist sie: “Sie haben Recht. Wir hätten in diesem Punkt genauer recherchieren sollen bzw. uns eine andere Berufsgruppe (z.B. Ingenieure) aussuchen sollen. Unser Anliegen war es, die fiskalische Bilanz für einen Akademiker und einen Facharbeiter abzubilden. In diesem Sinne halte ich die Botschaft des Artikels weiterhin für richtig.” Sic!

Da davon auszugehen ist, dass nur ein geringer Anteil der den öffentlichen Kassen zugeschriebenen Kosten für das Medizinstudium tatsächlich bei den Studierenden als Leistung ankommt und zudem ihre kostenlosen Dienstleistungen bis zum Abschluss des Studiums sowie die unzähligen unbezahlten Überstunden danach bis zur Auswanderung nicht bilanziert worden sind, dürfte die Bilanz des ifo-Instituts noch weiter zu modifizieren sein.

Unsere Bilanz ist allerdings ohnehin keine fiskalische: Wir beklagen die immer größeren Lücken in der ärztlichen Versorgung durch die ständig zunehmende Flucht ins Ausland. Auch eine andere “Gestaltung des Steuer- und Abgabensystems” wird sie nicht wesentlich bremsen, wenn sich nicht die Gesundheitspolitik grundlegend bessert.

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