Kapitäne des Eisbergs: Der Titanic aus dem Weg!

Wir hatten bereits über einen Brief der Ärzteinitiative NotRuf 113 berichtet, der die Bilanz eines Gespräches zwischen den niedergelassenen Ärzten und der Geschäftsführung des privatisierten Uniklinikums zieht. Inzwischen hat NotRuf 113 den Brief dem MB im Original zugehen lassen.

Bei dem Bild des Uniklinikums Gießen-Marburg als eines Dampfers, unter dessen Kiel die Briefschreiber schon meinen, einen Eisberg knirschen zu hören, müssen sie allerdings die Beteiligten an der Kollision verwechselt haben: Lesen Sie selbst den bewegenden Appell an die Kapitäne eines der Eisberge, denen unser falsch gesteuertes Gesundheitswesen als Titanic entgegen schlingert:

Offener Brief an die Professoren Moosdorf und Seeger
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH

Marburg, den 01.06.2009

Sehr geehrter Herr Professor Moosdorf, sehr geehrter Herr Professor Seeger,

vielen Dank für das Gespräch mit sechs Vertretern des NotRuf 113 am Mittwoch, den 13. Mai 2009. Wir werten das Zustandekommen als ein Zeichen dafür, dass man auf der Brücke des Dampfers Uniklinikum Gießen-Marburg die offensichtlichen Qualitätsprobleme nicht nur als Spitze des Eisbergs erkannt, sondern auch bereits hässliche Geräusche vom Kiel her vernommen hat. Wir danken Ihnen ferner für die Möglichkeit, unsere Beschwerden über etwaige Qualitätsmängel in der Patientenversorgung direkt im Büro Moosdorf äußern zu dürfen, ohne den beschwerlichen Weg über die Öffentlichkeit und im Speziellen der Presse suchen zu müssen.

Wir werden diese Möglichkeit auch gerne nutzen, wenn sie für das Wohl des betroffenen Patienten sinnvoll erscheint. Nützlich ist dieses Procedere, wenn deren Ursachen in den Hierarchieebenen der Chefärzte, Oberärzte und Assistenten zu vermuten ist. Die Probleme seit der Privatisierung der Unikliniken Anfang 2006 sind aber unseres Erachtens, gemäß des gültigen Unternehmensverständnisses, als Ganzes von der Geschäftsführung der Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG zu verantworten. Der Fokus der seit der Privatisierung zu beobachtenden Mängel liegt in der verschlechterten Betreuung der Patienten in typischen Arzt-Patienten-Situationen oder Patienten-Pflegekraft-Situationen. Diesen reduzierten Betreuungsaufwand schreiben viele der täglich Betroffenen den wirtschaftlichen Vorgaben durch den Träger zu, dessen natürliches Interesse die Gewinnmaximierung ist.

In den üblichen Krankenhausbehandlungsverträgen sind diese betreuenden Dienstleistungen enthalten, d.h. dafür wird in den Pauschalen nach dem DRG-System von den Krankenkassen bezahlt. Indem eine Klinik die ganze Summe für einen Fall kassiert, jedoch die tatsächlich erbrachte Leistung verkürzt, erhöht sie direkt ihren Gewinn zu Lasten der Versorgungsqualität. Wird die Zeit, die ein Arzt mit einem Patienten redet, je stationärem Fall nur um eine Stunde verkürzt und bewertet man die Arztstunde mit angenommen 100 Euro, so ergäbe sich bei 1000 Fällen eine Gewinnsteigerung um 100.000 Euro. Würden wir niedergelassenen Ärzte nun in einigen dieser Fälle Beschwerde bei der Ärztlichen Direktion einlegen, verbliebe dieser Gewinn doch weitgehend ungeschmälert bei den Anteilseignern.

Natürlich ist den beteiligten Ärzten des NotRuf 113 klar, dass hohe Funktionsträger wie Sie eine besondere Loyalitätsverpflichtung gegen ihrem Arbeitgeber haben. Daher sind Sie sicher gezwungen, ein Konflikt- und Risikomanagement mit sehr subjektiv interpretierten und wirklichkeitsfernen “Fakten” dergestalt führen zu müssen, dass weder Image- noch Geschäftsverluste auf Ihr Unternehmen zukommen.

Natürlich setzen Sie hierfür Ihre professionellen Ressourcen in Öffentlichkeits- und speziell Pressearbeit ein. All zu deutlich ist hierbei ein Grundsatz: Der Wert eines Unternehmens der Gesundheitsbranche hängt ganz entscheidend von dessen Ansehen in der Bevölkerung und bei den zuweisenden Ärzten ab. Daher vermindert eine negativ dominierte Diskussion in der Öffentlichkeit künftig die Erträge der Anteilseigner.

Die Geschäfts-/Konzernführung hat diesen Mechanismus im Prinzip erkannt. Sie bemüht sich gegenwärtig allerdings mehr darum, das öffentliche Bild von der Arbeit in den Unikliniken Gießen und Marburg durch Einsatz aller rhetorischer Kunstgriffe wie Verniedlichung von bestehenden Problematiken, divide et impera-Strategien oder schlichte Verwendung von Unwahrheiten zu beeinflussen.

Dabei sind die Probleme seit Längerem bekannt. Im September 2008 sind erste kritische Berichte mit Falldarstellung in der “Frankfurter Rundschau” und der “Oberhessischen Presse” erschienen. Im Anschluss wurden im von der Jugendvertretung VERDI initiierten Blog “rhoenwatch.de” zahlreiche weitere Probleme beschrieben mit dem Schwerpunkt bei Mängeln in Pflege und Hygiene. Sie haben daraufhin bei VERDI erwirkt, den Blog einzustellen. Jetzt hat “MONITOR” in der ARD kritisch berichtet… Reaktion Pressekonferenz: Stimmt alles nicht.

Nach Meinung der Mitglieder des NotRuf 113 wäre es besser, durch vermehrten Einsatz von am Patienten arbeitenden Ärzten und Pflegekräften die Ursache des Übels gegenstandslos werden zu lassen. Wann endlich werden die Missstände von der Ärztlichen Direktion offen angesprochen und analysiert? Wann endlich werden Maßnahmen ergriffen, die Behandlung der Patienten, die Aufklärung der Patienten, die Pflege der Patienten effektiv zu verbessern. Hätten Sie dies im Herbst letzten Jahres unternommen, bräuchten Sie sich heute über schlechte Fernsehberichte keine Gedanken zu machen. Solange in dieser Hinsicht aber nichts geschieht, werden wir, NotRuf 113, auch weiterhin die Öffentlichkeit informieren.

Wir erlauben uns, dieses Schreiben presseöffentlich zu machen sowie an die Professorenschaft der Medizinischen Fakultäten der Universitäten Marburg und Gießen zu verteilen. Sie als Ärztliche Direktoren ermuntern wir, die berechtigten Interessen der Ärzte und Pflegedienstleitungen zur Verbesserung der gegebenen Situation gegenüber den Organen von GmbH und AG offensiv zu vertreten.

Unter Würdigung Ihrer persönlichen Situation, sehr geehrter Herr Moosdorf, sehr geehrter Herr Seeger, wünschen wir Ihnen als Verantwortungsträger in der privatisierten Hochschul-Medizin immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel.

gez. NotRuf 113 Gesundheit in Gefahr

Die Initiative von ÄrztInnen und BürgerInnen zur Verbesserung der Qualität in der medizinischen Versorgung

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