Eines ist sicher: die Rente?!

Eines ist sicher: die Rente? Das sagte einst Arbeitsminister Norbert Blüm.Gilt dieser Satz auch noch heute für die berufsständischen ärztlichen Versorgungswerke, insbesondere für das Hessische Versorgungswerk? Eindeutig: Ja!

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Das Hessische Versorgungswerk der Landesärztekammer Hessen (LäkH) hatte eine im Jahr 2000 begonnene und bis ins Jahr 2004 reichende weltweite Finanzkrise (Ursache: “Dotcom-Blase”) nicht zuletzt aufgrund eines “aktiven” externen Managements von Teilen seines Renten- und Aktienportfolios bilanziell gut überstanden. Die größere Herausforderung war aber die Notwendigkeit, erstmals im Jahr 2003 einen Eingriff in die Leistungstabelle für Rentenanwartschaften vornehmen zu müssen, da sich herausgestellt hatte, dass sowohl die aktiven Mitglieder als auch die Rentner wegen gestiegener Lebenserwartung länger Leistungen beziehen, als dies bei der Gründung des Versorgungswerks im Jahre 1968 vorausberechnet worden war.

Mit anderen Worten: die jährlichen Rentenerhöhungen fielen deutlich niedriger (oder ganz) aus und die Noch-Nicht-Rentner erhielten eine geringere zukünftige (!) Rentenzusage – aber beide Einschnitte fielen immer noch erheblich moderater aus als bei der gesetzlichen Rentenversicherung (DRV, früher BfA). Man erinnere sich: Dort wurde als wichtigster Eckpunkt zur Finanzierung der Längerlebigkeit der Bevölkerung das Renteneintrittsalter auf das 67. Lebensjahr erhöht!

Wie stehen wir mit dem Hessischen Versorgungswerk im Jahr 2008 da?

Zunächst: das Versorgungswerk ist unter rechtlichen Gesichtspunkten “sicherer” geworden: Im Jahr 2007 hat das Hessische Versorgungswerk nach langer Diskussion aufgrund einer Änderung im Hessischen Heilberufsgesetz die sog. “Teilrechtsfähigkeit” erhalten. Davor haftete nämlich das Versorgungswerk, da es sich juristisch nur um ein Sondervermögen der LäkH handelte, mit seinem Vermögen auch für finanzielle Verbindlichkeiten der LäkH et vice versa. Wenn auch eine “Insolvenz” der LäkH als Körperschaft öffentlichen Rechts praktisch unmöglich ist, so werden jetzt beide Vermögen völlig getrennt voneinander verwaltet. Das Versorgungswerk kann jetzt gegen Schuldner im eigenen Namen klagen und verklagt werden. Der Präsident / die Präsidentin der LäkH ist nicht mehr oberster Dienstherr des Versorgungswerkes – dies ist nun der / die Vorsitzende des Vorstands des Versorgungswerks! Der Vorstand wird durch die Delegiertenversammlung der LäkH direkt gewählt.

Die Bilanzsumme des Versorgungswerks ist deutlich größer geworden: betrug sie Ende des Jahres 2003 noch knapp 5 Milliarden Euro, wird in diesen Tagen die Summe von 6 Milliarden Euro erreicht. Das ist auch kein Wunder: noch hat das Versorgungswerk deutlich mehr an Beitrag einzahlende aktive Mitglieder (25.000) als Renten- oder Versorgungsempfänger (knapp 6.000). Der Cashflow aus eingehenden Beitragszahlungen gegenüber Rentenleistungen ist aus diesem Grund noch mindestens bis zum Jahr 2015 positiv.

Die Finanzen des Versorgungswerks sind weiterhin sicher angelegt und werden verantwortungsvoll verwaltet. Bewährt hat sich gerade in finanzpolitisch schwierigen Zeiten die risikoscheue Kapitalanlagestrategie.

Das bedeutet: Grundsätzlich investiert das Versorgungswerk nur in Anlagen mit bestem Sicherheitsgrad (Bonität) bzw. in Investmentgrade der Güteklassen A bis AAA. Hochspekulative Finanzanlagen werden ausnahmslos nicht getätigt. Zwar könnten in guten Kapitalmarktphasen mit hochspekulativen Anlageformen (z.B. Hedge-Fonds) zusätzliche Gewinne erwirtschaftet werden – in Phasen der Baisse hingegen ist der Wertverlust überproportional. Solche Risiken darf ein Versorgungswerk, das unser Sozialkapital verwaltet, unter keinen Umständen eingehen! Das Versorgungswerk hat auch kein Subprime-Engagement betrieben!

Die Kapitalanlagen des Versorgungswerks waren am 31.12.2007 zu ca. 74% in Nominalpapieren (Rentenwerte), zu ca. 16% in Aktien, zu 5,5% in Immobilien und 4,5% in Liquidität und Geldmarkt angelegt. Die ausgeklügelte Aufteilung der Kapitalverwaltung in “hauseigene” Direktverwaltung und externe Verwaltung durch insgesamt 19 Spezialfonds mit externen Managern trägt zur Risikostreuung und Gewinnmaximierung bei. Zwar können mehr als 20 Fondsmanager (hauseigene und externe) durchaus einen zusätzlichen, über die vergleichbaren weltweiten Akten- oder Rentenindices hinausgehenden Gewinn erwirtschaften, aber: völlig abkoppeln vom weltweiten Finanztrend – derzeit möglicherweise der Beginn einer Baisse - können auch sie sich nicht. Gerade haben die finanziellen Weltmärkte als Folge der “Subprime-Krise” begonnen, sich in Richtung Abwärtsspirale zu bewegen. Ein Ende der Talfahrt von Aktien und Rentenwerten ist noch nicht abzusehen. Aber mit der o.g. Strategie wird auch diesmal das Versorgungswerk auf der sicheren Seite stehen!

Das größere aktuell zu meisternde finanzielle Problem für alle Lebens- und Rentenversicherer ist die sich seit dem Jahrtausendwechsel abzeichnende und die Bilanzen der Versicherer erneut belastende “Längerlebigkeit” der Mitglieder. Das Bundesministerium für Finanzen beauftragt seit 1957 regelmäßig das Büro des Kölner Versicherungsmathematikers Prof. Heubeck, die sog. “Richttafeln für die Pensionsversicherung” zu erarbeiten und zu veröffentlichen. Dieses - im Jargon auch als “Heubecksche Sterbetafeln” bezeichnete Werk - gilt als Richtmaß für die individuelle Berechnung der bilanziellen Deckungsrückstellung aller Lebens- und Rentenversicherer in Deutschland. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass wegen deutlich gestiegener Lebenserwartung der Menschen in Deutschland – somit auch der Ärztinnen / Ärzte und deren zu versorgenden Angehörigen - innerhalb von wenigen Jahren eine Neuauflage der Heubeckschen Sterbetafeln notwendig wurde.

In bilanziellen Zahlen heißt das für das Versorgungswerk: war für die Bilanz des Jahres 2003 noch ein Wert von 200 Mio. € “zu verarbeiten”, beträgt er für die Bilanz des Jahres 2006 bereits 485 Mio. €!

Das Versorgungswerk sagt nicht nur Beitrag zahlenden Mitgliedern eine Rente zu, sondern auch deren Angehörigen, wie Ehefrauen oder Ehemännern. Es zahlt darüber hinaus Waisenrenten und gibt Zuschüsse für Kinder in Ausbildung oder es gewährt Rehabilitationsleistungen und – was gerade für jüngere im Angestelltenverhältnis lebende Mitglieder am wichtigsten ist – es sagt im Fall der Berufsunfähigkeit eine Berufsunfähigkeitsrentenzahlung zu! Für jede dieser “solidarischen Sozialleistungen” kann der bilanzielle Wert in Abhängigkeit von der gestiegenen Lebenserwartung berechnet werden: alle zusammen ergeben in Summe die o.g. 485 Mio. €!

Der zu bilanzierende Wert für die “Längerlebigkeit” der Rentenempfänger beträgt allein 52 Mio. €! Wie also diesen Betrag erwirtschaften? Bis auf Eingriffe in die Berechnung einer etwaig zu zahlenden Berufsunfähigkeitsrente waren sich alle Vorstandsmitglieder einig, dass am System der sozialen Leistungsgewährung im Versorgungswerk nicht eingegriffen werden sollte, sondern dass die bilanzielle Lücke von allen Versicherten gemäß ihrer rechnerischen Längerlebigkeit zu tragen sei. Darin wird die größte Gerechtigkeit für alle Mitglieder des Versorgungswerkes gesehen.

So hat sich der Vorstand dafür entschieden, den Rückstellungsbedarf nicht wie ein anderes berufsständisches Versorgungswerk in Deutschland durch Kürzung laufender (!) Renten zu decken oder andere Sozialleistungen wie Kinderzuschüsse zu verringern oder bereits zugesagte Überschussbeteiligungen zu mindern. Der in die Bilanz einzustellende Betrag setzt sich vielmehr zusammen aus erwarteten bilanziellen Überschüssen - gestreckt auf mehrere Jahre - sowie einer Anpassung der Beitrags- und Leistungstabellen ab 1.1.2008. Für derart schwerwiegende Beschlüsse war sogar eine gesonderte Delegiertenversammlung notwendig!

Der “Beitrag” der Rentner für das Jahr 2008 besteht darin, keine Rentenerhöhungen zu erhalten. Eine Alternative, wie die Anhebung des regulären Renteneintrittsalters auf das 67. Lebensjahr scheidet für ein rein Kapital-gedecktes Versorgungswerk, wie es das hessische darstellt, aus! Diese Maßnahme bringt keine nennenswerte Entlastung, da ja jedes Mitglied seine eigene Rente selbst erwirtschaftet. In einem reinen Umlageverfahren wie bei der DRV oder in gemischten Umlageverfahren (sog. Offene Deckungsplanrechner – wie es die meisten berufsständischen Versorgungswerke darstellen) bedeutet ein Hinausschieben des Renteneintrittsalters um zwei Jahre ohne Erhöhung der Anwartschaft hingegen eine Entlastung für die bilanzielle Deckungsrückstellung!

Allerdings wurde in der zitierten Delegiertenversammlung von den hessischen Delegierten dem Vorstand des Versorgungswerks der Auftrag erteilt, das Konzept der Gewährung von Berufsunfähigkeitsrenten zu überarbeiten: hier sind insbesondere die Delegierten des Marburger Bundes gefordert, darauf zu achten, dass dies kein Einstieg in einen etwaigen “Leistungsabbau” gerade für junge Mitglieder bedeutet. Soziale Solidarität zu bewahren – ein Eckpfeiler jeder Gewerkschaftsarbeit - hängt nicht zuletzt von der Stärke und Anzahl der Marburger Bund Delegierten in der Delegiertenversammlung und der Anzahl von Vorstandsmitgliedern im Versorgungswerk ab.

In einem Beitrag aus dem Jahr 2004 hat der Verfasser dieses Artikels die damaligen Herausforderungen für das Hessische Versorgungswerks zum Thema gemacht.

Das Versorgungswerk ist vor (berufs-)politischen Anfechtungen nicht gefeit. Allerdings konnten – nicht zuletzt durch sachgerichtete Initiativen der MB’ler im Aufsichtsrat (jetzt „Vorstand“) und der Delegiertenversammlung – Schäden am hessischen Versorgungswerk verhindert werden. Gerade ein starker MB in der Delegiertenversammlung ist auch weiterhin Garant für sichere Renten der hessischen Ärzte: Schließlich sind über die Hälfte aller Mitglieder des Versorgungswerks angestellte Ärztinnen und Ärzte, die ihre Renten ausschließlich auf das Versorgungswerk gründen.

An dieser Aussage hat sich bis heute kein Jota geändert – sie ist aktueller als je zuvor!

Dr. Matthias Moreth

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