Facharztstandard: Was der Chefarzt und der Arzt in der Weiterbildung wissen sollten

Regelmäßig ist zu beobachten, dass aufgrund Personalmangels auf Station Ärzte in Weiterbildung für Nachdienste oder Bereitschaftsdienste eingesetzt werden, auch wenn sie sich nicht immer sicher fühlen und ihnen notwendige Erfahrung fehlt. Doch was passiert, wenn ein Arzt in Weiterbildung, der sich noch nicht fachlich in der Lage für eine eigenverantwortliche Behandlung fühlt, trotzdem einen Patienten behandelt? Und was passiert, wenn ihm ein Fehler unterläuft?

Patienten haben einen Anspruch auf eine ärztliche Behandlung, die dem Stand eines erfahrenen Facharztes entspricht (sog. Facharztstandard). Trotzdem muss nicht jede Behandlung durch einen Facharzt erfolgen. Allerdings gibt es weder im Gesetzt noch in der Weiterbildungsordnung eine konkrete Antwort auf die Frage, ob die Behandlung eines Patienten durch einen Arzt in Weiterbildung durchgeführt werden kann. Deshalb kommt es im Einzelfall auf den Stand der Weiterbildung und das persönliche Geschickt des Arztes an.

Pflichten des Chefarztes:
Der Chefarzt ist als leitender Arzt seiner Klinik für die Auswahl-, Überwachungs- und Anleitungspflichten während der Facharztweiterbildung verantwortlich. Bei der Übertragung von Behandlungen an einen Arzt in Weiterbildung muss er dessen individuelle Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten berücksichtigen, ansonsten haftet der Chefarzt gegenüber dem Patienten wegen sog. „Organisationsverschuldens“.

Behandlungen, die der Arzt in Weiterbildung nicht sicher lege artis durchführen kann, dürfen selbst unter Beaufsichtigung nicht übertragen werden. Bei schwierigen Operationen oder Behandlungen ist dies zu Weiterbildungszwecken durchaus möglich, sofern ein aufsichtsführender und eingriffsbereiter Facharzt assistiert. Bei Behandlungen durch einen erfahrenen Arzt in Weiterbildung, der etwa kurz vor der Facharztprüfung steht, muss ein Facharzt nicht zwingend anwesend sein. Letztlich muss der Chefarzt den Einsatz und die Arbeit des Arztes in Weiterbildung gezielt kontrollieren, etwa durch individuelle Besprechungen z.B. der erhobenen Befunde. Die tägliche gemeinsame Visite reicht dazu nicht aus. Der Chefarzt ist grundsätzlich verpflichtet, gegenüber dem Krankhausträger anzuzeigen und Abhilfe zu fordern, wenn ihm nicht ausreichend qualifiziertes ärztliches Personal zur Verfügung steht.

Pflichten des Arztes in Weiterbildung:
Der Arzt in Weiterbildung muss bei einer Behandlung am Patienten immer eigenverantwortlich prüfen, ob er dazu fachlich und aufgrund seines Weiterbildungsstandes in der Lage ist. Trifft das nicht zu, muss der Arzt in Weiterbildung den Chefarzt ausdrücklich darauf hinweisen. Übernimmt er dennoch die Behandlung und wird dadurch der Patient geschädigt, haftet der Arzt in Weiterbildung persönlich im Rahmen des „Übernahmeverschuldens“. Somit kann im Extremfall der Arzt in Weiterbildung zur Ablehnung der Behandlung verpflichtet sein. Allein die ausdrückliche Anweisung des Chefarztes zur Vornahme der Behandlung schütz ihn haftungsrechtlich nicht.

Bereitschaft- und Nachtdienst

Ob und ab wann der Arzt in Weiterbildung an den Bereitschafts- und Nachtdiensten teilnehmen kann, ist nicht geregelt. Haftungsrechtlich ist dies unproblematisch, wenn der Arzt in Weiterbildung über einen Erfahrungs- und Kenntnisstand verfügt, um auch ohne Facharztanerkennung den Facharztstandart gewährleisten zu können und notfalls einen Facharzt hinzuzieht. Allerdings droht die persönliche Haftung des Chefarztes, sofern der Arzt in Weiterbildung mit den Diensten überfordert ist, weil er z.B. noch nicht die nötige Erfahrung besitz und dennoch zum Dienst eingeteilt wird.

Autor: Rechtsanwalt Nico Bettelmann ist Verbandsjurist beim MB Hessen und Fachanwalt für Arbeitsrecht

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