Freier Beruf vs. Ökonomie

Wir müssen uns immer wieder erinnern, dass wir als Ärztinnen und Ärzte einen "freien Beruf" ausüben. Das hat nichts zu tun mit der Art der Berufsausübung - angestellt in einer Klinik, einem  MVZ, einer Praxis oder niedergelassen in eigener Praxis. Der "freie Beruf" bedeutet, dass wir bestimmte Pflichten haben, jedoch auch bestimmte Rechte.

Unsere Pflichten beruhen darauf, dass wir Kranke heilen oder Linderung bringen und genau aus diesem Grund kommen Patientinnen und Patienten zu uns. Sie bringen uns einen immensen Vertrauensvorschuss entgegen, dem wir gerecht werden müssen und der keinesfalls missbraucht werden darf. Die Grundlage für diese Erwartungen finden wir in der ärztlichen Berufsordnung (BO), die sich auf das Genfer Gelöbnis stützt. Diese ist für Ärztinnen und Ärzte verbindlich. Daraus geht unter anderem eindeutig hervor, dass wir das Wohl der uns anvertrauten Patientinnen und Patienten in den Vordergrund unseres Handelns stellen müssen.

Um dieser Verpflichtung nachzukommen, ist in der BO ausdrücklich geregelt, dass wir keinerlei Weisungen für die Behandlung von Patientinnen und Patienten von Nichtärzten entgegen nehmen dürfen – das ist ein wesentlicher Kern unserer Berufsordnung.

Wir erleben täglich, dass der Einfluss der Ökonomen in Klinken und Krankenhäusern an Bedeutung zunimmt. Da werden Vorgaben gemacht, wie sie zu einem produzierenden Industriebetrieb passen. Nur: Eine Klinik ist kein Industriebetrieb und Patienten sind keine Kunden – auch wenn Ökonomen uns das immer wieder weismachen wollen.

Viele unserer Kolleginnen und Kollegen erleben in ihrem Klinikalltag, dass ein Controller ihnen mitteilt, dass ein Patient bereits im "roten" (=kostenträchtigen) Bereich einer Fallpauschale angekommen sei – völlig ohne Berücksichtigung des aktuellen Befindens. Da braucht es viel Rückgrat, um diesen täglichen subtil übermittelten Informationen aus der ökonomischen Ecke zu widerstehen.

Die Landesärztekammern haben die Möglichkeit, ihren Mitgliedern Unterstützung anzubieten, wenn die BO nicht mehr adäquat umgesetzt werden kann. Dazu bedarf es nicht viel: einer öffentlichen Bekanntmachung an alle Mitglieder, dass man in einem derartigen Konfliktfall auf die Hilfe und Unterstützung der Ärztekammer setzen darf. Es ist dringend an der Zeit, hier einen starken Gegenpol zur schleichenden Ver-Ökonomisierung der Medizin zu bilden.

Der Marburger Bund hat das Problem erkannt und thematisiert – es wird eine Kernaufgabe der neu zu wählenden Ärztekammer in Hessen sein. Wählen Sie daher bei der Kammerwahl vom 22. Mai bis 5. Juni den Marburger Bund.

Kommentar: Dr. Ursula Stüwe, stellv. Landesverbandsvorsitzende

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