Industrialisierung des Krankenhauswesens: Grundsätze der Patientenversorgung werden geopfert

Aktionäre und Vorstände rücken in den Mittelpunkt

Autor: Dr. Christian Schwark

Uns Ärzten im Krankenhaus geht es gut. Wir haben einen gesicherten Arbeitsplatz, mit den arzt-spezifischen Tarifverträgen sind die Gehälter spürbar gestiegen, es werden jährlich akzeptable Lohnsteigerungen verhandelt, das Arbeitszeitgesetz hat für immer kürzere Dienstzeiten gesorgt und das Ansehen der Ärzte in der Öffentlichkeit ist immer noch außerordentlich hoch. Was gibt es also noch zu tun? Müssen wir uns überhaupt berufspolitisch engagieren?

Schleichende Industrialisierung
Die Einführung des DRG-Systems und die zunehmende Privatisierung von Krankenhäusern führt zu einer schleichenden „Industrialisierung“ des Krankenhauswesens, und zwar in bester Manchester-Kapitalismus Manier. Wer nicht spurt wird auf Spur gebracht, wie der ehemalige Vorstandsvorsitzender des Rhön-Konzerns, Wolfgang Pföhler im Spiegel 2006 sagte: „Wir wollen die Ärzte nicht zwingen. Wir werden sie nach und nach überzeugen...“ Denn die Berufsoptimierer aus der Betriebswirtschaft wissen schließlich am besten, wie Menschen gesund gemacht werden.

Im Zuge der Arbeitsverdichtung und Rationalisierung werden wichtige Grundsätze der Patientenversorgung mit Federstrich geopfert. So werden zunehmend umfassende Schichtdienstmodelle eingeführt, die dazu führen, dass auf den Stationen beinahe täglich die Stationsärzte wechseln. Kontinuität für den Patienten soll dann durch nicht-ärztliche Fallmanager gewährleistet werden. Wie so eine klinische Änderung des Zustands des Patienten kompetent erfasst werden soll, ist ein ungelöstes Rätsel, spielt aber vor dem Hintergrund angeblicher Wirtschaftlichkeit keine Rolle.

Überschüsse für Aktionäre
Denn in den börsennotierten Krankenhauskonzernen müssen Überschüsse von bis zu 17 Prozent erwirtschaftet werden, um sowohl den Bedürfnisse der Aktionäre gerecht zu werden, als auch notwendige Investitionen tätigen zu können sowie den Aufsichtsratsmitgliedern und Vorständen ihre Gehälter zu zahlen.

Leistung, auch in der Konzernführung, muss wettbewerbsfähig entgolten werden, aber es ist schwer vermittelbar, wenn tausende Stunden Mehrarbeit an Krankenhäusern nicht entlohnt und Stellen abgebaut werden, um damit die Bedürfnisse der Aktionäre und Vorstände zu bedienen.

Die Frage: Müssen wir uns berufspolitisch engagieren? kann also mit einem deutlichen „Ja“ beantwortet werden, denn wir müssen uns als angestellte Ärzte einbringen und uns Gehör verschaffen, wenn es um die Gestaltung unserer Arbeit geht. Der Marburger Bund möchte den Arbeitsplatz Krankenhaus zukunftsfähig und nachhaltig an den Interessen von Patienten und Ärzten ausgerichtet gestalten.

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