Junge Ärzte erwarten verlässliche Arbeitszeiten und eine strukturierte Weiterbildung

Als vor kurzem ein Chefarzt im Beisein von einigen seiner Assistenzärzte äußerte, dass eine tägliche Arbeitszeit von 8 Stunden plus 5 Überstunden sinnvoll wäre, um schneller „in das Fach zu kommen“,  beschwerten sich danach viele seiner Assistenten, dass sie nicht verstehen, wie man so etwas in der heutigen Zeit noch fordern könne. Inzwischen haben in der Abteilung in 10 Monaten 9 Assistenzärzte gekündigt.

Fast alle Krankenhäuser befinden sich derzeit im freien Wettbewerb um die besten Ärzte. Im Jahr 2011 fehlten, laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens PWC, etwa 21.000 ärztliche Vollzeitkräfte, davon 11.000 im stationären Bereich. Bis zum Jahr 2020 ist mit einer ärztlichen Versorgungslücke von etwa 56.000 Ärzten - davon 24.000 stationär - zu rechnen. Das entspräche einem Mangel von 25 Prozent aller im ambulanten und stationären Bereich beschäftigten Ärzte.

Schaut man sich die Situation an den Universitäten an, dann sieht man, dass der Andrang auf das Medizinstudium groß ist: Es gibt etwa 5 Bewerber auf einen Studienplatz, jedoch schließen nicht alle ihr Studium ab und viele gehen nach Ihrem Studium nicht ins Krankenhaus, sondern zu Behörden, Krankenkassen oder in die Gesundheitswirtschaft: Diese Bereiche locken die Absolventen mit sehr guten Verdienstmöglichkeiten und geregelten Arbeitszeiten - etwa 30 Prozent der Ärzte arbeiten in diesem Bereich. 

Was wünschen sich Ärztinnen und Ärzte?

Betrachtet man heute ärztliche Berufsanfänger, gibt es bei der Mehrzahl wenig Bereitschaft, für seinen Beruf das Privatleben zu opfern. Vielmehr kennzeichnet sie,  dass sie in erster Linie an einer strukturierten und guten Weiterbildung interessiert sind und eine planbare und verlässliche Arbeitszeit erwarten.

Auffallend ist, dass Berufseinsteiger, wenn ihnen während des Einstellungsgesprächs gemachte Versprechen nicht eingehalten werden, im Gegensatz zu früheren Generationen, keine Scheu davor haben, noch in der Probezeit wieder zu kündigen.

Neben einer  zuverlässigen Weiterbildung rückt in den letzten Jahren die Zeit außerhalb des Krankenhauses immer stärker in den Fokus des Bewerbers. Überstunden werden nur noch selten als notwendig angesehen und oftmals werden Chefärzte beim Bewerbungsgespräch mit der Frage nach Teilzeitarbeitsmodellen konfrontiert. Zum einen aus familiären Gründen, zum anderen aber auch aus dem gesteigerten Interesse an persönlicher Freizeit.

In einer Mitgliederbefragung des Marburger Bundes unter 12.000 Ärzten im Jahr 2010 äußerten zwei Drittel der Befragten, dass ihnen eine Arbeitszeitreduzierung wichtig bzw. sehr wichtig sei. 96 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte halten die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie für wichtig, bei den Ärztinnen sind es zwei Drittel die diese Vereinbarkeit als am Wichtigsten betrachten. Demgegenüber berichten 57 Prozent, dass ihr derzeitiger Arbeitgeber keine ausreichende Möglichkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren, bietet.

Teilzeit geht nicht – gibt’s nicht

In meiner eigenen Abteilung arbeiten zurzeit 32 Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit, das entspricht einem Anteil von 45 Prozent am gesamten Stellenpool. Die Art der Teilzeitarbeit reicht von einem wochenweisen Blockmodell über ein tageweises Arbeiten bis zu stundenweisem Arbeiten von 7:30 bis 14 Uhr täglich. Dies erfordert einen hohen Planungsaufwand: Generell ist es vorteilhaft, dafür eine Gruppenbildung vorzunehmen, das heißt, dass einzelne Mitarbeiter, die wöchentlich oder tageweise arbeiten, einen entsprechenden „Arbeitszeit-Partner“ haben, sodass eine durchgehende Besetzung gewährleistet werden kann. Im Extremfall richten sich die Öffnungszeiten von Ambulanzen nach den Arbeitszeitwünschen unserer Ärzte. Aus meiner Sicht sind daher Teilarbeitszeiten in allen Fachbereichen grundsätzlich möglich und ein Weg, um gute Ärzte, in Zeiten des Ärztemangels, an die eigene Klinik zu binden.

Veränderte Personalführung

Neben den fachlich-organisatorischen Herausforderungen müssen Chefärzte und Krankenhausleitungen heutzutage zusätzlich auch soziale Kompetenzen vorweisen: flache Hierarchien, Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse, Möglichkeiten für eigene Projekte, Kommunikationsbereitschaft und Mitarbeitergesprächen sind Merkmale, die sich Berufsanfänger von ihren Vorgesetzten wünschen. 

Des Weiteren ist Chefärzten zu raten, mit Ärztinnen, die sich in Mutterschutz und Elternzeit verabschieden, während dieser Zeit Kontakt zu halten und die Bereitschaft zu signalisieren, auf die Wünsche der Kolleginnen einzugehen, um sie in der Abteilung zu halten. Der Arbeitgeber, der diesen Mitarbeiterinnen zusätzlich eine gute KiTa mit krankenhausangepassten Öffnungszeiten anbieten kann, hat dann einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.

Autor: Dr. Kolja Deicke

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