Klinikumsleitung unbeteiligt an Kürzung der Verweildauer?

‘Es gebe keine Anweisung der Klinikumsleitung an die klinischen Abteilungen zur Verkürzung von Verweildauern’, zitiert die Oberhessische Presse (OP) Marburg am 19.09.08 aus einer schriftlichen Stellungname des Universitätsklinikum Gießen-Marburg, unterzeichnet vom Ärztlichen Geschäftsführer, dem Kaufmännischen Geschäftsführer, dem Ärztlichen Direktor des Standorts Marburg sowie der Pflegedirektorin des Standorts Marburg. Anlass des Schreibens sind Vorwürfe einer aus Angst vor Repressionen anonym gebliebenen Allgemeinärztin. Am 13.09.08 war sie in der OP zitiert worden: “Ich habe durch die Rückkopplung aus den Arztbriefen und durch die Berichte meiner Patienten eine dramatische Einbuße der Qualität der Krankenversorgung hin zu einer Art Drehtürmedizin festgestellt” und “Mir ist es bei der Einweisung meiner Patienten in letzter Zeit mehrfach passiert, dass das Klinikum eine Palette an profitablen Prozeduren durchgeführt hat und der Patient dann genauso krank wieder entlassen wurde, wie er zuvor eingeliefert worden war. Das eigentliche medizinische Problem wurde teilweise weder erkannt noch behandelt“.

Die OP zitierte dann eine Stationsschwester, die aus Angst um ihren Arbeitsplatz ebenfalls anonym bleiben wollte: “Irgendwas bleibt immer auf der Strecke, wenn statt sieben Leute nur noch drei Dienst haben“.

Wir wollen uns hier nicht in den Streit um die geschilderten Fälle und später weitere nachgeschobene Beschwerden einmischen. Das sollte Aufgabe der Gutachter- und Schlichtungsstelle und ggf. des Staatsanwaltes sein. Wesentlich scheint uns der Hintergrund der beklagten Arbeitsverdichtung und deren nachteilige Folgen für die Patientenversorgung zu sein, die nicht nur ein Merkmal einer privatisierten Klinik sind, sondern von unseren Mitgliedern generell als Konsequenz der Einführung von Fallpauschalen sowie der Unterfinanzierung der Krankenhäuser beklagt werden.

Dabei dürfte geschulte Leser schon die Form der Stellungnahme stutzig machen: Wenn die astronomische Gesellschaft auf die Entdeckung einer Supernova hinweisen will, genügt der Auftritt einer Pressesprecherin oder eine Mitteilung des Entdeckers. Es kennzeichnet eher Stellungnahmen, mit der ein Weltbild zurecht gerückt werden muss, wie “Die Erde ist eine Scheibe, die von der Sonne umkreist wird”, wenn vier hochrangigen Personen mit ihrer Autorität die Bedeutung der Stellungnahme unterfüttern müssen.

Aber verlassen wir die astronomische Parabel und kommen auf die Erde zurück: Die geradezu dramatische Verkürzung der Verweilzeit in den vergangenen Jahren soll also spontan erfolgt sein, ohne Direktiven der Kliniksleitung? Die Patienten werden einfach rascher gesund oder haben sich in den vergangenen Jahren gegen ein rechtzeitiges Verlassen des Krankenbetts gestemmt und drängen heute auf eine “blutige Entlassung”. Die Ärztinnen und Ärzte an den Kliniken sowie die Pflege haben die von der stellvertretenden Vorsitzenden des MB Hessen Dr. Ursula Stüwe kürzlich als unmenschlich bezeichnete Arbeitverdichtung aus reinem Masochismus herbeigeführt, um sich selbst auszubeuten? Die Erde ist doch eine Scheibe…

Zurück