Mann über Bord

Zuerst die gute Nachricht: Dr. med. Michael Popović lebt noch! Solche mit lesbarer Herzenswärme geschriebenen Laudationes wie dieseDer Lotse geht von Bord” von Dr. med. Wolfgang Furch und “…Jetzt ist er mal weg!” von Prof. Dr. med. Toni Graf-Baumann im Hessischen Ärzteblatt 71(9), 2010, S. 583-585, sind die Leserinnen und Leser eher aus traurigerem Anlass gewohnt. Wenn der Hauptgeschäftsführer der Landesärztekammer Hessen seit 1986, also nach fast zweieinhalb Jahrzehnten Tätigkeit, aus dem Dienst der Kammer ausscheidet, hätten sicher viele eine ebenso ausführliche Würdigung durch den Präsidenten der Kammer an dieser Stelle erwartet. Es hat noch nicht einmal zu einer Zeile pro Arbeitsjahr in einer dürren Nachricht über sein Ausscheiden in den “Ruhestand” zum 31.08.10 (besser “Vorruhestand“, wie die FAZ am 01.09.10 unter “Ein Mediziner mit Weitblick” geschrieben hat) zum Schluss dieses Editorials im selben Heft und zu einer Pressemitteilung gereicht, die zudem beim Neustart der Kammerseite “vergessen” wurde.

Dass das Schiff (um bei der Körperschaft des öffentlichen Rechts mit nahezu zweihundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bild zu bleiben), kein “Mann über Bord”-Manöver gefahren hat, sondern in bewegter See weiter gefahren ist, hatten in einem gemeinsamen Brief bereits fünf Vertrauenspersonen von Listen der Delegiertenversammlung angesprochen (womit wir zugleich die Identität der zum damaligen Zeitpunkt notwendigen personellen Diskretion lüften) und beleuchtet, dass der “Lotse” (um im Bild zu bleiben schreiben wir besser vom Ersten Offizier, denn ein Lotse ist nicht solange auf der Brücke tätig) keineswegs freiwillig über die Reling ging.

Dr. Furch, ein langjähriger Wegbegleiter Dr. Popović’, zwei Jahre im Vorstand des MB-Bezirksverbands Gießen, zwei Jahre im geschäftsführenden Vorstand des MB-Landesverbandes Hessen und zehn Jahre als Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen, hat sicher mit Bedacht die schon legendäre Übersetzung des Titels einer englischen Karikatur zur Entlassung Bismarcks als Überschrift seiner Laudatio gewählt. Das englische Original der sehr freien Übersetzung, mit der sich z.B. dieser Artikel beschäftigt hat, “dropping the pilot“, trifft die Begleitumstände schon besser. Denn Hintergrund sind die Auseinandersetzungen um die interne Umstrukturierung in der Kammer, die zukünftig unter dem Präsidium von einem Leitungsteam hauptamtlich geleitet wird, bestehend aus einem ärztlichen, einem juristischen und einem kaufmännischen Geschäftsführer.

Ein bequemer Jasager wäre der falsche Mann in dieser leitenden Position gewesen. Dr. Popović’ profunde Kenntnisse machen ihn zu einer wandelnden berufspolitischen Enzyklopädie, immer beherrscht von einer absoluten Loyalität und Fairness gegenüber den ihm darin zwangsläufig häufig unterlegenen Ehrenamtlichen. Auch im vertrauten Gespräch unter vier Augen war von ihm niemals eine negative oder gar herabsetzende Äußerung über Dritte zu hören. Stets stellte er sich vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In einem Feld, wo zwei Ärzte in der Diskussion mindestens drei Konzepte entwickeln, zeichnete ihn absolute Objektivität aus: Er kannte im Diskurs keine berufspolitischen Gegner, nur Partner. Einer seiner Fehler war wohl, dass er das auch von anderen annahm.

Zurück