PJ an der JLU-Giessen: Müssen wir uns das gefallen lassen?

von Ina Hoffmann, 10.Semester JLU-Giessen

PJler, Medizinstudierende im Praktischen Jahr, sind von morgens bis teilweise spät abends im Krankenhaus. Die Aufgaben gehen von Blutentnahme, über Vigo legen, Antibiose anhängen, EKG schreiben, Patienten aufnehmen, im Op-Saal Haken halten, Verband wechseln, Botengänge erledigen, Organisieren und Telefonieren bis hin zur Teilnahme an der Visite. Bei so vielen Aufgaben wird allerdings immer wieder die vermeintlich lehrreiche Visite verpasst.

Die Aufwandsentschädigung dafür reicht für Studierende aus Gießen von 1,12 € Essenszuschlag am Tag bis zu 400 € pro Monat abhängig vom Krankenhaus.

Vorgesehen ist aber etwas anderes in der Ausbildungsordnung für das Praktische Jahr: Der PJler soll sein medizinisches Wissen vertiefen, anwenden und an praktische Aufgaben herangeführt werden. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der PJler nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden darf, die nicht die Ausbildung fördern. Würde die Realität so aussehen, dann würden wir uns nicht beschweren. Aber statt guter Lehre - Ausnutzung als billige Arbeitskraft.

Zwölf-Stunden-Dienste werden abhängig vom Krankenhaus mit 20 € bis maximal 75 € pro Dienst entschädigt. Das Lehrkrankenhaus in Limburg entschädigt sogar jeden Wochenenddienst mit 400 €. Da es mehrere PJler gibt, ist es nicht sicher, ob bzw. wie oft ein solcher Einsatz in einem Tertial erfolgt.

Vergleichen wir:

Fast alle Praktika bei den BWL-Studierenden werden ausreichend bezahlt, so dass die Studierenden ihren Unterhalt in dieser Zeit davon finanzieren können. Das Pendant dazu wären bei uns die Pflegepraktika in der Vorklinik und die Famulaturen in der Klinik. Ich habe noch nicht von ähnlichen Entlohnungen gehört. Im Gegenteil - mit etwas Glück - wird das Mittagessen bezahlt.

Abgesehen vom Evangelischen Krankenhaus und der Uniklinik liegen die Lehrkrankenhäuser außerhalb von Giessen. Wetzlar und Lich sind nicht weit weg und bieten wahrscheinlich deshalb keine Unterkunft an. Wer nicht zufällig vor Ort wohnt, muss also pendeln.

Gegen den öffentlichen Nahverkehr für Pendler spricht:

  1. ist auf den gerade in den Wintermonaten kein Verlass,
  2. ist mit Wartezeiten auf Busse bzw. Bahnen oder beidem gerade nach der Arbeit zu rechnen, also mit zusätzlichem Zeitverlust auf dem Heimweg zum Wohnort.

Es wählen demnach nur wenige Studierende ohne eigenes Auto diese Krankenhäuser, auch wenn dort die Lehre und das Drumherum gut sein sollen. In meinen Augen eine unfaire Situation.

Außerdem gibt es noch das Problem, dass Einnahmen von Nebenjobs aufgrund von fast unentlohnter Vollzeitarbeit (abgesehen von Bad Hersfeld mit 400 € pro Monat Aufwandsentschädigung) wegfallen.

Alles in allem finde ich, dass wir für unsere Arbeit entschädigt werden müssen!

Wer arbeitet denn heute noch umsonst bzw. für 1,12 € Mittagessenszuschlag?

Ich bin dafür, dass von allen Lehrkrankenhäusern und der Uniklinik eine angemessene Aufwandsentschädigung in einem Tarifvertrag mit dem Marburger Bund vereinbart wird, wie es bereits im Konzerntarifvertrag mit Helios Kliniken GmbH erfolgt (aktuell 600 € pro Monat, ab 1.07.10 700 €) ist.

Für diese Aktion brauchen und hoffen wir auf Unterstützung vom Marburger Bund. Denn die Erfahrung zeigt, dass die Chefetagen in Krankenhäusern die Anliegen der Studierenden nicht ernst nehmen.

Eine Sache möchte ich noch hinzufügen. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen, dass die deutschen Krankenhäuser es anscheinend einfach hinnehmen, dass viele junge deutsche Ärztinnen und Ärzte abwandern, sei es ins Ausland oder in andere Branchen. Dabei sollte ihnen doch bekannt sein, dass in unserem Land Ärzte fehlen. Warum begreift es die freie Wirtschaft, aber nicht die Krankenhäuser, dass sie die zukünftigen Arbeitskräfte, denen die ganze Welt offen steht, mit Qualität (in unserem Fall guter Lehre und befriedigendem Arbeitsklima) und gerechtfertigter Entlohnung binden könnten.

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