Dr. Paul Erwin Odenbach verstorben

Foto Dr. OdenbachEs war auf dem Höhepunkt der Streiks ausgebeuteter und übermüdeter Assistenzärzte an Deutschlands Hochschulkliniken 1971: Ein Rundfunk-Reporter nach dem anderen hielt dem Vorsitzenden des MB Bundesverbandes ein Mikrophon hin mit der Bitte, die Streikziele zu erläutern. Mit viel Bonmots gewürzt, voller 'positiver Demagogie', wie es beeindruckte Journalisten nannten, und trockenem Sarkasmus, zugleich mit einer Überzeugungskraft, die Zuhörer sich fragen ließen, warum sie nicht immer schon so gedacht haben, das war mal was anderes als die üblichen gestanzten und abgegriffenen Politikersätze. Und als er dann einem Reporter des niederländischen Rundfunks gegenüberstand, konnte er ohne Bruch genauso geistreich und informativ in fließendem Holländisch antworten.

Der Interviewer wäre weniger verblüfft gewesen, hätte er gewusst, dass sein Gesprächspartner in Den Haag geboren worden und in einem demokratischen und liberalen Klima der freiheitlichen Niederlande aufgewachsen war, zusammen mit Schülern unterschiedlicher Herkunft und Staatsangehörigkeit. Sein offener Blick in das heranwachsende Europa, sein untrügliches Gespür für demokratische Umgangsformen und seine große Kompetenz in mehreren Sprachen haben sicher auch dort ihre Wurzeln.

Bis zur Übernahme seiner Aufgabe als Bundesvorsitzender des MB 1966 hatte er schon eine intensive Phase der Auseinandersetzung mit den damals aktuellen Themen der Hochschule, der Studierenden, der Kliniken, der Arbeitsbedingungen angestellter Ärztinnen und Ärzte und des sozialen Umfeldes hinter sich. Es kennzeichnet ihn, dass er aus dem erfolgreichen Medizinstudium zugleich als Ehrenvorsitzender der Fachgruppe Medizin im Verband der Deutschen Studentenschaften hervorging. Seine berufspolitische Schule war der größte Landesverband des MB Nordrhein-Westfalen / Rheinland-Pfalz, dessen Vorsitzender er ab 1965 lange Jahre war und der ihn 1975 zum Ehrenvorsitzenden ernannte.

Der MB Hessen denkt dankbar an Odenbach zurück, in dem er immer einen Förderer in den zentralen Anliegen der Reform der Hochschule, des Medizinstudiums und der Forderung nach kollegialen Strukturen in den Kliniken fand. Unser langjähriger Vorsitzender und Ehrenvorsitzender Dr. Wolfgang Bechthold, der frühzeitig die große Bedeutung der europäischen Zusammenarbeit und Integration erkannte, konnte bei dem überzeugten Europäer Odenbach immer mit voller Unterstützung rechnen.

Die erste Urabstimmung und der erste Streik Marburger Medizinalassistenten Ende 1969 wurden von ihm von Anfang an unterstützt: Er schickte für zwei Wochen den Tarifexperten des Bundesverbandes Hans Trawinski an die Front, der wertvolle Beratung leistete. Der Erfolg dieser ersten Kampfmaßnahmen, an die sich später geradezu ein Flächenbrand anschloss, ist durch sein weitsichtiges Handeln nachhaltig gesichert worden.

Seine überzeugende Persönlichkeit war sicher für den MB bahnbrechend, um zu erreichen, dass er mit der ÖTV und der DAG an den Tarifverhandlungen praktisch gleichberechtigt teilnehmen konnte. Sein Verdienst als Bundesvorsitzender ist auch ein unverkennbarer Zugewinn der angestellten Ärztinnen und Ärzte als gleichberechtigte und vollwertige Angehörige der deutschen Ärzteschaft, also der Emanzipation des MB in der Berufspolitik und in der Folge auch in der Gesundheitspolitik auf allen Ebenen. Nicht umsonst titelte Odenbach seinen Kurzbericht in der Chronik des MB zum 50jährigen Verbandsjubiläum "Die 'kurzbehosten Jungärzte' gehen in die Offensive".

Leider hat er sich an manchen Zuständen auch die Zähne ausgebissen: Wenn seine Feststellung, die Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulkliniken bewirkten "eine beispielhafte Förderung der Wissenschaft - wenn auch nicht der unseren, so doch der amerikanischen" noch heute eine beklemmende Aktualität besitzt, zeigt diese Persistenz auch nach drei weiteren starken Bundesvorsitzenden mit der gleichen Stoßrichtung, welche mächtigen Interessen für das deprimierende und wissenschaftsfeindliche Klima verantwortlich sind. Kann es da verwundern, wenn es für diesen begnadeten Lehrer, gebildeten Neurologen und Psychiater, aber eben auch entschiedenen Kämpfer nach dem Auslaufen des befristeten Arbeitsverhältnisses keine Perspektive mehr gab. Ein Verlust für die deutsche Hochschullandschaft - ein Gewinn für die deutsche Ärzteschaft, wenn wir auf seine Aufbauarbeit in der von ihm seit 1975 hauptamtlich geleiteten Abteilung "Fortbildung und Wissenschaft" der Bundesärztekammer zurückblicken. Wir alle haben am 10.02.07 mit dem 82jährigen Ehrenvorsitzenden des MB Bundesverbandes Odenbach ein bedeutende Persönlichkeit verloren.

(Quellen: Kurt Gelsner, Der Marburger Bund, Verlag Peter Lang, Frankfurt, 1985; Thomas Rottschäfer - Uwe K. Preusker, 50 Jahre Marburger Bund, Heider, Bergisch Gladbach, 1997)

Dr. Odenbach: Die 'kurzbehosten Jungärzte' gehen in die Offensive

Lesen Sie auch: Paul Erwin Odenbach, Weltoffener Berufspolitiker, Dtsch. Ärzteblatt, 104(9), 2007, A 588 v. 2.03.07

Zurück