Personaloffensive vor Qualitätsoffensive

Von Dr. Susanne Johna

Vor der Sommerpause hat der Deutsche Bundestag die Gründung eines neuen Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) beschlossen. Dieses soll voraussichtlich im Jahr 2016 seine Arbeit aufnehmen.

Auf den ersten Blick scheint es erfreulich, dass die Politik die Qualität der medizinischen Versorgung verstärkt ins Visier nimmt. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wird das Gesundheitswesen auf immerhin 12 von 184 Seiten erörtert. Mit einer Qualitätsoffensive soll die stationäre Versorgung verbessert werden: „Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, nach dem neuesten medizinischen Stand und in bester Qualität behandelt zu werden.“

Neuer Blickwinkel der Politik

Das hört sich nach einem neuen Blickwinkel an und scheint nicht auf einer Linie mit dem Wirtschaftlichkeitsgebot  des Sozialgesetzbuches zu liegen. Hier heißt es: „Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein, sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.“

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren es die Ärzte (zunächst die Chirurgen) von denen Initiativen zur Qualitätssicherung ausgingen. Zahlreiche weitere Initiativen der Ärzteschaft folgten und mündeten schließlich in der Gründung  eines gemeinsamen Kompetenzzentrums von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Dieses stellt seit 1995 Empfehlungen zu Qualitätsindikatoren, Leitlinien, Patienteninformationen und Patientensicherheit zur Verfügung.

Das 1995 gegründete AQUA (Institut für angewandte Qualitätssicherung im Gesundheitswesen GmbH) beschäftigt sich mit dem Aufbau einer bundesweiten sektorenübergreifenden Qualitätssicherung. Im Jahr 2004 wurde im Zuge der Umsetzung des GKV-Modernisierungsgesetzes das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) gegründet.

Schon viele Einrichtungen zur Qualitätssicherung

Es existiert also schon eine Vielzahl an Einrichtungen zur Qualitätssicherung im Gesundheitswesen. Brauchen wir nun wirklich noch ein weiteres Qualitätsinstitut, das laut Koalitionsvertrag sektorenübergreifende Routinedaten sammeln, auswerten und einrichtungsbezogen veröffentlichen soll?

Es scheint so viel leichter zu sein, Institute zu gründen und die dafür notwendigen Gelder der Gesundheitsversorgung zu entziehen, als sich die Frage zu stellen, warum wir uns alle zunehmend Sorge um die qualitativ hochwertige Versorgung der Patienten machen müssen.

Ärztinnen und Ärzte verpflichten sich mit dem hippokratischen Eid zu ethischem Handeln. Das Gesundheitspersonal insgesamt zeichnet sich durch eine hohe intrinsische Motivation und Leistungsbereitschaft aus. Ärztinnen und Ärzte sind in Deutschland hervorragend aus – und weitergebildet.

Doch leider ist die die Qualität der Versorgung heute nicht mehr oberstes Ziel im Gesundheitswesen. Im Vordergrund stehen allzu oft Gewinnoptimierung und zu diesem Zwecke Leistungsverdichtung, Liegezeitverkürzung und Fallzahlsteigerung.

Worum geht es der Politik wirklich?

Insbesondere in den Klinken können Ärzte nicht mehr so handeln, wie Sie es für die jeweiligen Patienten richtig finden. Vorgaben des Klinikmanagements erhalten einen höheren Stellenwert als ethisches und evidenzbasiertes Handeln. Die Betonung des ökonomischen Ziels gipfelt schließlich in Verträgen für Chefärzte, in denen Bonuszahlungen von Fallzahlsteigerungen oder gar Personalabbau abhängig gemacht werden.

Schon jetzt ist klar, dass Qualitätsdaten auch zur Krankenhausplanung herangezogen werden sollen. Möglicherweise geht es der Politik also auch darum, Kliniken mit schlechteren Qualitätsdaten zu schließen. Das erscheint auf den ersten Blick plausibel, wirft aber die Frage auf, welche Qualitätsdaten denn hierfür verwendet werden sollen. Gibt es überhaupt Daten, die alles, was im Krankenhaus geleistet wird, abbilden und unabhängig von Patientenkriterien sind?

Ein Qualitätskriterium gibt es aber sehr wohl, dessen positive Korrelation zu qualitativ hochwertiger Patientenversorgung schon lange bekannt und belegt ist: Die Anzahl der qualifizierten Mitarbeiter in Pflege, Therapie und Medizin im Verhältnis zur Patientenzahl.

Personal ist der Schlüssel zur qualitativ hochwertigen Patientenversorgung (Foto: apops – Fotolia.com)

 

Personalausstattung als Qualitätskriterium

Die besten Untersuchungen hierzu gibt es in Bezug auf die Personalbesetzung in der Pflege. Die  Realität in den deutschen Krankenhäusern zeigt beeindruckend eine von der EU geförderte Studie zur Bedarfsplanung von Pflegekräften. Demnach betreut in Deutschland eine Pflegekraft beinah doppelt so viele Patienten (13) wie es im Durchschnitt der anderen europäischen Länder der Fall ist (8,3). Eine aktuell im Lancet veröffentlichte Studie zeigt, dass die Mortalität von Patienten nach chirurgischen Eingriffen um 7% steigt, wenn pro Pflegekraft ein Patient mehr betreut werden muss.

Eine weitere Studie belegt, dass unter allen untersuchten Faktoren eine hohe Arbeitsdichte das größte Risiko für nosokomiale Infektionen auf deutschen Intensivstationen darstellt und die Inzidenz massiv erhöht.

Zahlreiche weitere Untersuchungen ließen sich anführen. Personal wird heute allzu oft nur noch unter dem Kostenaspekt betrachtet und nicht als der entscheidende Faktor, der den Unterschied macht zwischen einer mäßigen und einer hervorragenden Patientenbetreuung.

Wer also die Qualität der Patientenversorgung in deutschen Kliniken verbessern will, muss dafür sorgen, dass die Personalschlüssel erheblich aufgestockt und klar geregelt werden. Damit ließe sich die Versorgung der Patienten tatsächlich verbessern, nicht aber mit der Gründung eines neuen Qualitätsinstituts.

 

Dr. Susanne Johna ist Vorsitzende des MB Hessen

Foto: MB Hessen

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