Wie nehmen Ärzte die Privatisierung am UKGM wahr? Rede von Dr. Thorsten Steinfeldt

Die gekürzte Rede von Priv. Doz. Dr. Thorsten Steinfeldt, Geschäftsführender Oberarzt Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie Universitätsklinikum Giessen-Marburg, am 10. September 2012 zum gesundheitspolitischen Montagsgebet in der Elisabethenkirche in Marburg.

Ich möchte versuchen, die Wahrnehmung und Erfahrungen von uns Ärztinnen und Ärzten hinsichtlich der Privatisierung zu skizzieren.
Mit vielen Fragen werden wir regelmäßig im Umgang mit Familie, Freunden, Bürgern, Journalisten, Kollegen aus anderen Krankenhäusern und Wissenschaftlern anderer Universitätskliniken konfrontiert.

Die Menschen möchten wissen: 
Welchen Einfluss hat die Privatisierung auf unseren klinischen Alltag?
Spüren wir die Politik und das Handeln der Geschäftsführung?
Greift ein privater Träger in die tägliche Praxis ein?
Behandeln wir Patienten anders als vor der Privatisierung?

Aber auch persönliche Fragen werden gestellt:
Ist das denn noch auszuhalten?
Willst Du hier überhaupt noch arbeiten?
Suchst Du Dir denn bald eine andere Universitätsklinik, an der Du klinisch arbeiten und forschen kannst?
Würdest Du Dich, deine Familie und Freunde in dieser Klinik behandeln lassen?

Wie empfinde ich die Fragen, Befürchtungen und Kritiken der Menschen?
Aus innerster Überzeugung und Wissen, behaupte ich, dass wir auch heute keinen Patienten anders behandeln als vor der Privatisierung.
In den letzten Jahren sind uns von Seiten der Geschäftsführung in keinem Falle einer noch so schweren Erkrankung Grenzen in der Behandlung gesetzt worden.
Ganz im Gegenteil, auch wenn die Deckung der Kosten und des Aufwands der Behandlung unklar waren, zeigte sich die Geschäftsführung unbeeindruckt und ließ uns im Sinne der Patienten entscheiden und behandeln.

Bei allem Engagement, dem unbedingtem Willen zu Helfen und dem Streben nach größter Sorgfalt in der Behandlung von Patienten, lässt sich jedoch auch heute nicht vermeiden, dass Fehler in Abläufen geschehen, dass einem Arzt ein Missgeschick passiert, dass von uns Ärzten und Pflegekräften etwas übersehen wird, dass etwas Unvorhergesehenes eintritt.

Das Auftreten von Fehlern während der Behandlung war schon immer ein Risiko und zwar unabhängig von der Klinikträgerschaft. So sachlich wie man diesen traurigen Aspekt der Medizin betrachten muss, ist festzuhalten, dass die Häufigkeit in den letzten Jahren nicht angestiegen ist. Um deutlich für uns Ärzte aber auch für die Pflegenden zu sprechen, wünsche ich mir, dass Sie uns ihr Vertrauen entgegenbringen und sich in unseren Händen gut aufgehoben fühlen.

Egal wie turbulent, unglücklich und unklar die Zukunft des Klinikums auszusehen vermag, so ändert das nichts daran, dass uns der Beruf sehr viel bedeutet. Es ändert nichts daran, dass es täglich um die Patienten geht, denen wir aus Passion und Nächstenliebe helfen möchten.
Die tatsächliche Freude am Beruf hängt auch heute noch nicht davon ab, wer die Geschäftsführung darstellt. Jeder Patient, der sich über Hilfe freut und gesund unsere Klinik verlässt, stellt für uns die Bestätigung dar, dass das, was wir täglich tun, das Richtige ist. Alle Debatten um Wirtschaftlichkeit, Kosten und Bilanzen treten hinter diesen positiven Gefühlen und Motivationen in den Hintergrund.

Was nehmen die Patienten als negativ wahr? 
Von sehr vielen Patienten, die einige Zeit im Klinikum verbracht haben, höre ich, dass sie mit der medizinischen Versorgung durch die Ärzte sehr zufrieden sind und sich gut aufgehoben fühlen. Allerdings, erwähnen Angehörige und Patienten häufig, dass die Versorgung vor und nach der Therapie von Zeitmangel und Fahrigkeit geprägt sei, da jeder Pflegende nur mit Mühe den täglichen Anforderungen gerecht werden kann.

So ist es gerade der intensivere Kontakt der Schwestern und Pfleger, der am Ende einer Behandlung in Erinnerung bleibt und somit die wahrgenommene Qualität der Therapie prägt. In der Tat erfordert die Anzahl der gestiegenen Fälle, die gestiegene Schwere der Erkrankungen und die älter werdenden Patienten eher eine steigende Anzahl an Pflegekräften mit einem höheren Qualifikationsgrad. Tatsächlich werden wir mit einer gegenteiligen Entwicklung konfrontiert. Eine Anpassung des Personalschlüssels zur Pflege auf den Stationen fand in den letzten Jahren nicht statt.

Häufig sehen sich Geschäftsführungen gar nicht mit einem Problem konfrontiert, da die Anzahl der Pflegenden auf dem Papier noch akzeptabel aussieht. Leider wird übersehen oder ignoriert, dass erschreckend viele Mitarbeiter sehr jung, in Ausbildung sind oder schlichtweg eingearbeitet werden müssen.

Wie empfinden wir Ärzte die Situation von Forschung und Lehre an unserer Universitätsklinik?
Vor dem Wechsel des Krankenhausträgers wurde eine Trennung von Forschung und Lehre von klinischer Patientenversorgung nicht vorgesehen. Niemand hat darüber diskutiert, ob der Zustand – wie er von jeher gängige Praxis war - eher zu Lasten der Patientenversorgung oder zu Lasten der Forschung ging.

Vor dem Hintergrund, dass Ärzte bis vor einigen Jahren ihre Forschung und Lehrvorbereitung am Abend und am freien Wochenende betrieben haben, lässt sich mutmaßen, dass personelle Ressourcen, die für Forschung und Lehre kalkuliert wurden, auch von jeher in die Krankenversorgung eingeflossen sind. Damals mag das für den Steuerzahler keine Konsequenz gehabt haben und lediglich der Forschende hätte sich über ausufernde, nicht vergütete Überstunden beklagen können. Dazu kam es nicht, denn noch vor zehn Jahren, hat es jeder Arzt hingenommen die Forschung in der Freizeit zu betreiben. Alleine schon weil er glücklich war, an einer Universitätsklinik zu arbeiten und einen Arbeitsvertrag zu haben.

Heute ist der ärztliche Nachwuchs deutlich familienorientierter und bei einer hohen Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt mit besseren Arbeitsverträgen ausgestattet. Die heutigen Ärzte erwarten planbare Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle und Verbindlichkeit im Umgang mit dem Krankenhaus. Bietet eine Klinik dieses nicht, können Stellen auf Grund des Ärztemangels nicht besetzt werden; denn der Bewerber wird eine andere Klinik finden, die seinen Bedürfnissen gerecht wird. Wenn es um Forschung geht, erwarten die wissenschaftlich Interessierten, zumindest einen erheblichen Teil der Arbeit für Wissenschaft und Lehre in der regulären Arbeitszeit leisten zu können.

Wie hat es sich unter privater Trägerschaft entwickelt? Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Einige Klinikdirektoren delegieren - täglich transparent - Mitarbeiter für Forschung und Lehre aus der Krankenversorgung und fordern die tatsächlichen personellen Ressourcen ein, die für die Krankenversorgung notwendig sind. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Andere Abteilungen haben von sich aus keine Trennung vorgenommen, keine Mitarbeiter für Forschung und Lehre freigestellt und somit mit Landesmitteln die Krankenversorgung von Rhön mitfinanziert.

Vor diesem Hintergrund ist in Zukunft eine deutlichere Trennungsrechnung vorzunehmen, um dem Land Hessen und somit dem Steuerzahler zu genügen. Da die Universität durch diese Trennung auch den beschriebenen Veränderungen der Ärzteschaft Rechnung trüge, würde sie drei Fliegen mit einer Klappe schlagen, zum einen wüsste sie, dass ihre Mittel nicht missbraucht würden, dass die Attraktivität der Universität für wissenschaftlichen Nachwuchs erheblich stiege und womöglich auch eine höhere Qualität der Wissenschaft zu erzielen ist.

Und so möchte ich die Initiative unseres Dekan, Professor Rothmund, hervorheben.  Jüngst hat er – gestützt durch eine Pilotuntersuchung - den Missstand der Zweckentfremdung von Landesmitteln am Klinikum angemahnt. Von Seiten der Ärzteschaft wird er alle erdenkliche Unterstützung erfahren; denn nur durch eine lebhafte und erfolgreiche Wissenschaft ist der Status einer Universitätsklinik gerade in diesen schwierigen Zeiten zu erhalten.

Was fordern wir Ärzte für die kommende Zukunft?
Eine weitere Leistungserhöhung mit weiter zunehmender Verdichtung der Arbeit lässt sich auf dem Rücken der Pflegenden und der Ärzte nicht bewerkstelligen.  Ganz im Gegenteil, wir fordern Berücksichtigung unserer skizzierten Probleme, um unseren Patienten die Fürsorge bieten zu können, die ihnen in ihrer schwierigen Zeit zu steht.

Welche Geschäftsführung, welcher Träger auch immer, wir fordern nicht einfach nur mehr pflegerisches Personal, sondern Arbeitsbedingungen, die Schwestern und Pflegern eine patientengerechte Betreuung ermöglichen. Wir fordern eine scharfe Trennung von Forschung und Lehre von Krankenversorgung, um den Anforderungen gerecht zu werden.

Die von mir dargelegten Probleme, sollten in ihrem und im Sinne unserer Gesellschaft, genug Gründe darbieten, gegen die heutigen Entwicklungen im Gesundheitssystem zu protestieren und der Politik ein deutliches Signal zu senden, die Prioritäten der politischen Ausrichtung neu zu überdenken.

Die Gesundheit ist unser höchstes Gut und jeder einzelne von uns wird früher oder später darauf angewiesen sein, eine unseren Ansprüchen gerechte Versorgung zu erfahren. Die Politik muss sich von uns in die Pflicht nehmen lassen: denn schließlich sind es unsere Wählerstimmen, auf die Parteien und Politiker angewiesen sind.  Unser öffentlicher Protest ist es, der Politiker zum Umdenken zwingt!

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