Wer Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegepersonal und soziale Dienste wegrationalisiert, hat Medizin nicht verstanden!

Wir dokumentieren einen Gastbeitrag von Dr. med. Ursula Stüwe hier in FR-Online.de zum Stellenabbau Uniklinken Giessen Marburg (UKGM) “Wer am Personal spart, hat nichts verstanden

Als die Unikliniken Giessen Marburg 2005 fusioniert und privatisiert wurden, war ich gebeten, sowohl als Präsidentin der Landesärztekammer Hessen wie auch als Marburger Bund-Vorsitzende eine Stellungnahme abzugeben. Ich hatte darauf hingewiesen, dass das Abrechnungssystem mit Fallpauschalen Krankenhäuser mit Hochleistungs- und Spitzenmedizin deutlich vernachlässigt. Finanzielle Verluste seien zu erwarten, die auch einen privaten Klinikbetreiber in Bedrängnis bringen werden. Und genau so ist es gekommen!

Der vorgeschlagene Stellenabbau im UKGM erfüllt meine düsteren Erwartungen von 2005. Das ist erschreckend, zeigt aber auch überdeutlich, wie die heutige Patientenversorgung offenbar ausschliesslich unter dem Blickpunkt der finanziellen Rentabilität ausgeübt wird! Der “Patient als Wertschöpfungskette” ist ein Begriff, der nicht von Ärztinnen und Ärzten geprägt wurde, und deshalb umso mehr erschreckt! Ökonomen scheinen häufig so zu denken! Oberstes Ziel eines börsennotierten Unternehmens ist nicht die Ausschüttung eines Gewinnes an Patientinnen und Patienten in “Form einer optimalen ärztlichen und pflegerischen Versorgung“, sondern eine Gewinnausschüttung an die Aktionäre!

Unser Gesundheitssystem steht auf dem Boden des Grundgesetzes – es ist eine der vornehmsten Aufgaben des Staates, für die Versorgung der Bevölkerung zu sorgen. Dafür werden sinnvollerweise Steuern erhoben. Politik kann diese Aufgabe selbst betreiben oder einem Klinikbetreiber übergeben, wie hier. Und nun ist die Rendite nicht wie erwartet, aber es wird immer noch ein erklecklicher Gewinn erwartet! Diese Entwicklung war schon vor ca. sieben Jahren absehbar, weil gerade die Finanzierung der hochspezialisierten Medizin krankte und immer noch krankt! Und wenn Energiekosten einer Klinik steigen, wenn die Gesundheitswirtschaft (!) teurere Geräte verkauft, wenn Entsorgungen von Sondermüll u. a. teurer werden, dann wird immer und immer am Personal eingespart!

Auch wenn Ökonomen versuchen, uns etwas anderes weis zu machen: Menschen gehen in aller Regel nicht aus Freude und zum Genuss in eine Klinik oder ein Krankenhaus! Nein, sie sind krank und befinden sich in einer mehr oder weniger kritischen Lebensphase. Was braucht aber ein kranker Mensch, der sich in einer Ausnahmesituation in einer Klinik befindet? Er braucht sehr gute ärztliche und fachlich kompetente medizinische Versorgung, er braucht ganzheitliche Pflege, er braucht Trost, Zuspruch, Hilfe. Daran hat sich trotz aller technischer Neuerungen nichts geändert. Alle diese so dringend notwendigen Zuwendungen werden durch Menschen wie Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegepersonal und soziale Dienste vor Ort erbracht! Wer hier “wegrationalisiert“, hat Medizin nicht verstanden!

Die Unikliniken Giessen Marburg sind 2012 zu einem “Leuchtturm” geworden, indem sie uns aufzeigen, was vermutlich bald überall in Hessen in der Krankenversorgung erwartet werden kann! Aus Offenbach werden ähnliche Pläne vernommen – Stellenabbau zur Sanierung der Finanzen! Und Wiesbaden steht auch im Fokus des Verkaufs!

Wenn ich nicht wüsste, dass sich das noch verbliebene Personal in den Kliniken mehr und mehr aufreibt, um den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten gerecht zu werden, würde ich mich fürchten, krank zu werden!

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