Wer wird heute noch Chirurg?

Das hat sich hier die FAZ gefragt und im weiteren Titel mit Tupfer, Schere, Überstunden einen Teil der Frage zugleich beantwortet. Die Zeiten, zu denen man bei einem Chirurgen an der Zahl seiner Kinder erkennen konnte, wie oft er nach seinen vielen Überstunden und Diensten auch mal aus der Klinik nach Hause entweichen konnte, und eigentlich fast ein Zölibat Voraussetzung für den Beruf war, sind vorbei. Nicht nur die überwiegend weiblichen Berufsanfänger, sondern auch die männlichen Kollegen tolerieren eine offizielle Arbeitszeit von bis zu 60 Stunden, zu der dann noch unzählige inoffizielle und nicht anerkannte und unbezahlte Überstunden kommen, nicht mehr.

Es stellt sich heraus, dass diejenigen Arbeitgeber, die dem Marburger Bunde einen speziellen Tarifvertrag abgerungen haben, der statt der (bei Bereitschaftsdiensten der Stufe II) maximal möglichen 54 Wochenstunden deutlich mehr zulässt, damit die Ärzte statt einmal in der Woche zweimal in der Woche zu einem Bereitschaftsdienst herangezogen werden können, sich einen Bärendienst erwiesen haben. Zu diesen Bedingungen wollen immer weniger arbeiten, zumal in den Bereitschaftsdiensten oft genug die Zeit des Einsatzes tarifvertragswidrig überwiegt.

Da wird auch die schon etwas selbstkritischere Sicht der Chirurgen auf Ihr Fach nur begrenzt hilfreich sein. So hat der Berufsverband der Chirurgen immerhin sich auf dieser Seite Gedanken über die Vereinbarkeit des Berufs mit einer Familie Gedanken gemacht und meint: “Nach erfolgreicher Weiterbildung (sic! die Redaktion) und den neuen Tarifverträgen gibt es aber Möglichkeiten, die Stundenanzahl zu begrenzen, um mehr Zeit für familiäre oder gesellschaftliche Belange zu haben“, schränkt das aber sofort wieder mit der Anmerkung ein: “Das wird in den Kliniken sehr individuell gehandhabt.” Eben.

Zurück