Zu wenig junge Ärzte in der Delegiertenversammlung

Zu Recht wird häufig darüber geklagt, in der Delegiertenversammlung (DV) seien die jungen Ärztinnen und Ärzte unterrepräsentiert. Wir wollen den Ursachen nachgehen.

liste7_220100.gifDie Legislaturperioden dauerten bisher vier Jahre. Bei Beachtung der vorgeschriebenen Fristen und praktischer Erfordernisse bei der Aufstellung der Listen kommt noch etwa ein halbes Jahr an Vorbereitungszeit hinzu. Der MB Hessen ist bemüht, jungen Kolleginnen und Kollegen die Mitarbeit in der DV möglich zu machen. Sie sollen aber von einer demokratischen Zustimmung der Basis getragen sein. Wegen der raschen Erneuerung der Mitgliedschaft von Ärztinnen und Ärzten in der Weiterbildung sind in der Satzung des MB Hessen bewusst relativ kurze Amtszeiten von zwei Jahren vorgesehen. Für die Kammerwahl 2008 waren die Termine für Neuwahlen der Bezirksverbände und damit des Landesverbandsvorstandes im Herbst 2007 günstig, um für die Aufstellung der Wahlliste zum Jahresende eine zeitnahe demokratische Legitimation der Kandidatinnen und Kandidaten zu erreichen.

Ein Vergleich der Wahlliste 2008 mit früheren Listen und den gewählten Mitgliedern in den Gremien des MB Hessen zeigt, dass die Wahrung der notwendigen Kontinuität mit der Aufnahme des Nachwuchses in die Liste verbunden wurde.

Aber dennoch: Auch wenn eine Ärztin oder ein Arzt unmittelbar nach Aufnahme der Berufstätigkeit sich aktiv in die MB-Arbeit eingebracht hat, muss die Weiterbildung in einem Gebiet mit kurzer Mindestweiterbildungszeit erfolgen, damit während der Legislaturperiode eine Mitwirkung als Noch-nicht-facharzt möglich ist. Immerhin konnte z.B. zur Kammerwahl 2004 ein Mitglied, das gerade Arzt im Praktikum geworden war, als Kandidaten für die Liste auf einen aussichtsreichen Platz geworben werden. Bald war es Delegierter. Heute gehört es, obzwar Jüngster im geschäftsführenden Vorstand, zwangsläufig auch schon zu den ‘älteren’ Kollegen.

Die Verhältnisse werden sich noch verschärfen: Ausgerechnet in einer Zeit heftiger Debatten um mehr direkte Demokratie wurden in Hessen die Legislaturperioden für öffentlich-rechtliche Gremien gesetzlich um ein Jahr verlängert. Die nächste Delegiertenversammlung wird fünf Jahre im Amt sein! In diesem Zeitraum werden zweimal die Gremien des MB Hessen neu gewählt werden, ohne dass dies einen Einfluss auf die personelle Zusammensetzung der Delegierten haben kann. Die Vermutung, junge Ärztinnen und Ärzte hätten keine Zeit für Berufspolitik und seien deshalb in der Delegiertenversammlung nicht vertreten oder unterrepräsentiert, greift also angesichts dieser Rahmenbedingungen zu kurz. Ob alt oder jung: In der Regel haben alle ein sehr angespanntes Zeitbudget und opfern bewusst ein Teil ihrer Freizeit, weil sie Priorität auf die erforderliche Berufspolitik setzen. Auch hier gilt: Wer seine Rechte nicht wahrnimmt, hat schon verloren.

Der MB Hessen hat bereits in der Vergangenheit erfolgreiche Strategien entwickelt, um trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen junge Mitglieder bei der Willensbildung einzubinden: Viele Delegierte nehmen regelmäßig an den Vorstandsitzungen teil, um zu erfahren, wo der Schuh drückt. Auch ohne imperatives Mandat greifen sie Anregungen der Mitglieder zu Anträgen in der DV auf. Der MB sorgt dafür, dass besonders engagierte und sachkundige Mitglieder zu Sitzungen von Ausschüssen der Kammer eingeladen und gehört werden.

Noch größere berufspolitische Schwierigkeiten bestehen für junge Ärztinnen und Ärzte auf Bundesebene, denn nicht alle Kammern haben wie Hessen ein reines Listen-Verhältniswahlrecht. Teilweise gibt es personalisierte Wahlordnungen, die es Jungen und noch Unbekannten praktisch unmöglich machen, in die Delegiertenversammlung und damit als Delegierte in den Deutschen Ärztetag zu gelangen.

Obwohl also junge Ärztinnen und Ärzte systembedingt als Delegierte unterrepräsentiert sind, scheinen viele Niedergelassene die ‘Jungen’ besonders zu fürchten, wobei die Schwelle für ‘Jugend’ bei sechzig Jahren oder gar der Aufgabe der Berufstätigkeit angesiedelt wird: Gleich zwei Listen kandidieren zur Kammerwahl 2008 mit eindeutigen ‘Titeln’ wie ‘Fachärzte 60+’ und ‘Liste Älterer Ärzte’.

Den größten Schaden zur fehlenden Vertretung junger Ärztinnen und Ärzte richteten diese aber bisher selber an: Ihre Wahlbeteiligung wurde nur noch von der Altergruppe über 87 Jahren unterboten. Leider ist die Statistik noch immer aktuell. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, liegt die Konsequenz nahe: Diesmal wähle ich – und zwar Liste 7 Marburger Bund Hessen.

Prof. Dr. med. Horst Kuni

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