Während Ihr sicher alle in tiefem Schlummer liegt, habe ich gerade die Südspitze von Grönland gesehen - Kap Farvel. Wir sind in einer Entfernung von ca. 90 km daran vorbeigefahren. Man konnte wunderbar die zackigen Berge erkennen, z.T. mit Schnee darauf, und davor schwamm ein ziemlich großer EISBERG, der sich aufgrund der Lichtverhältnisse erst spät zu erkennen gab. Darüber ein wunderbarer Himmel mit einem Sonnenuntergang - na, so wunderschön! Einer von ca. einer Million schöner Sonnenuntergänge am und über dem Meer! Ach, das wunderschöne pastellfarbene Licht des Nordens - ich hab es soooooo gern! Wale waren noch nicht zu sehen, wir hoffen alle!
Mit dieser Kursänderung beginnen nun Messungen für die Dänen, in deren Hoheitsgewässern wir jetzt fahren. Da geht es von Waypoint zu Waypoint - alles per Computer erfasst und auch ausgeführt!
Meine Arbeitseinsätze beschränken sich medizinisch auf eine kleine Zahn- und eine Fingerbehandlung, abgesehen vom Verteilen der Pflaster gegen Seekrankheit! Meines hat gut geholfen, und jetzt ist die See ganz ruhig, obwohl wir Windstärke 5 haben, und da oben auf dem Peildeck - da kann man gut gucken, aber es fliegt einem beinahe noch die Kapuze vom Anorak weg(!) und man muss sich richtig gut festhalten.
Der Besuch des Peildecks ist immer wunderschön und meine tägliche Trainingsstrecke, wenn ich nicht
gerade in den Schiffsbauch gehe, um neue Bierfässer herauszuholen, damit die Bar gut klappt! Treppensteigen kann man hier gut und viel!!!
Inzwischen weiss ich auch mehr, wohin wir fahren werden, u.a. in den Lancaster-Sound, ein Fjord in Kanada nördlich der Baffin Insel. Ich habe mit dem Namen irgendwas verbunden, ich meine mit Bildern, aber es fällt mir nichts passendes ein. Für den kanadischen Zoll haben wir viel Bürokratie bewältigt, es werden auch in einigen Tagen drei Inuit an Bord kommen als Whale Watcher im Auftrag der Regierung, andere werden abgesetzt, wenn wir mal wieder in Landnähe sein werden.
Die Atmosphäre auf der Polarstern ist immer noch so angenehm wie erwartet und erlebt. Das macht das Arbeiten leicht und erfreulich; und aus meinem Heuervertrag ist schon ein Punkt erfüllt: Ich habe Anrecht auf eine ausreichende und schmackhafte Ernährung! Schön, sowas im Arbeitsvertrag zu lesen, nicht wahr??? Da können die deutschen Kliniken noch dazu lernen! Die Verpflegung ist bestens; die Stewardessen, die das Essen ausgeben, wissen jetzt auch mit einer “Seniorenportion” etwas anzufangen - ich könnte hier täglich drei warme Mahlzeiten bekommen - aber da nehme ich mich gerne zurück!
Heute Nachmittag haben wir auf dem gesamten Schiff die vor Ort hängenden Augenspülflaschen kontrolliert, die Schwester ist mit mir überall hin, und wir waren dabei im tiefsten Keller, direkt neben den Maschinen, die uns antreiben, bis zu einem Räumchen hoch oben am Schornstein; aber auch vorne im Bug waren wir und ich habe nun noch mehr Treppen kennen gelernt, als ich dachte, dass es sie gibt. Als Trainingsstrecke also gut geeignet! Schließlich will ich nicht in zwei Monaten vom Schiff gerollt werden müssen…
(E-Mail vom 4.08.10 23:36:47 -0000 (GMT))
Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.