Jetzt sind wir schon so lange auf Polarstern (PS), dass wir unser Bett neu beziehen mussten - also beinahe zwei Wochen! Wir segeln in der Baffin Bay umher; das Forschungsprogramm musste wegen diplomatischer Verwicklungen zwischen Kanada und deren Inuits und Deutschland umgestellt werden; es ist fraglich, ob das gesamte Programm noch gefahren werden kann; das entscheidet sich im Moment von Tag zu Tag neu. Einiges ist auch schon gemacht, z.B. Magnetik im Wasser und aus der Luft, im Moment, während ich tippe, läuft ebenfalls ein Magnetikprofil in N-S- Richtung.
Ob wir noch wieder in die kanadischen Gewässer kommen ist offen, jetzt wird erst einmal in grönländischen Gewässern untersucht, was sowieso geplant war. Vielleicht lest Ihr etwas dazu in der Presse, dann hebt es für mich bitte auf!
Der grosse Eisberg, der vor einigen Tagen in Grönland, Richtung Kanada, abgebrochen war, liegt irgendwo in der Nares-Street, also weit im Norden, wo wir nicht hinkommen. Natürlich hätte ich sonst ein Photo von ihm gemacht!!!!
Das Wochenende wurde am Samstag eingeläutet mit einem wunderbaren Grillabend auf dem Arbeitsdeck, jeder suchte sich das aus, was er gerne essen wollte - ein grosse Auswahl an Fleisch und Fisch und Krabben und Maiskolben… Köstlich! Dazu Brot und Salat, und Freibier! Bis Mitternacht haben wir zusammen gesessen, erst noch draussen in der Sonne, später auf dem Arbeitsdeck, das für diesen Abend extra dekoriert war!
Sonntag ist schon am Nachtisch zu erkennen - Eis, das gibt es auch am “Seemannssonntag“ = Donnerstag. Leider hat sich in Deutschland das mit dem “ Ärztesonntag” am Mittwoch nicht durchsetzen lassen, z.B. in Form von extra-Leckereien gerade zu diesem Tag, nein, da muss man zur Fortbildung gehen. Aber das ist eine andere Geschichte!
Am Montagmorgen wurde ich um halb sechs unsanft geweckt, weil ein Eisbrocken gegen das Schiff gefahren war - nix dolles, aber laut. Im Laufe des Tages ergab es sich, dass noch viel größere Eisfelder auf uns warteten, die die PS jedoch problemlos durchqueren konnte. Einem großen Eisberg ist sie auch ausgewichen, das Meiste jedoch schafft das Schiff mit Krach und ohne große Mühen. Man schaut dann gerne zu, wie sich das Schiff auf eine mehr oder weniger große Scholle schiebt; sie bricht dann und die Teile schwimmen weg, während sich der Bug wieder ins Wasser legt. Hinter dem Schiff dann gibt es eine Extra-Portion Futter für die Seevögel, denn von den zerbrochenen und z.T. umgekippten Schollen picken sie kleine Fischchen und anderes Getier; so ziehen wir hinter uns einen prall gedeckten Tisch her!
Gestern umschwirrten uns auch “neue” Vögel: Seesturmvögel in vielen unterschiedlichen Farben, Raubmöwen = Skuas, dann noch eine andere Sorte Raubmöwen, die einen witzig abgesetzen Schwanz haben, der ganz dünn ist und der wie angeklebt aussieht, und dazu ein Gekreische in der Luft!
Das Wetter hat gestern und auch heute wieder mitgespielt: ein messerscharfer Horizont, darunter das blaue Wasser, darüber der zart weiss-blaue Himmel, über uns hellblau und eine strahlende Sonne. Und dann die Eisschollen: sie gestalten ein richtiges Landschaftsbild: große, kleine, dicke, dünne - die meisten oben weiß und ausladend, dann gibt es einen Hals, und unten im Wasser breit ausladend und dort eisblau-türkis! Oben oft eine “blaue Lagune” auf der Oberfläche - und jede ist ein echtes Unikat! Ich habe schon soooo viel geknipst… Man kann’s nicht lassen!
Heute Nacht hat jemand den ersten Eisbären auf der Scholle gehabt und im Bilde festgehalten, Wale zeigen sich noch nicht, wir hoffen drauf!
Arbeitsmäßig kontrolliere ich alles, was ich so habe, und werde dadurch mit dem Inventar intensiver vertraut, damit ich’s, wenn nötig, schnell finde. Gesundheitsmäßig sind alle ganz fit, da habe ich nicht viel zu tun, hin und wieder ein kleines Problem. Viel mehr Aufmerksamkeit erfordert das abendliche und nachmittägliche Filmprogramm, mein neues Handy wird zu diesem Zweck als Wecker benutzt, damit die fünf(!) Programme pünktlich starten! Das gibt’s nur für die Crew, die Wissenschaftler haben keinen Fernseher in ihren Kammern, sie können in ihrem Gemeinschaftsraum gucken! Ich selber bin sicher einer der schlechtesten Konsumenten; ich laufe lieber oben auf die Brücke und gucke in die Landschaft, wenn die Videos laufen!
Neben mir steht ein frischer Pfirsich - wir sind etwa bei 70° Nord, da passt diese Frucht genau hin, oder? Vor dem Fenster schwimmen kleine Eisschollen vorbei, die Sonne lacht von Himmel, ganz hinten sieht man etwas Nebel auf dem Wasser, es sind ca. 4°, der Wind lässt es auf bis zu -10° abkühlen. Warme Sachen sind willkommen!
Euch allen daheim einen schönen Sommer, hier gibt es keine dunkle Nacht (mehr), ich kann noch um Mitternacht ohne Licht im Bett lesen!
(E-Mail vom 10.08.10 12:32:38 -0000 (GMT))
Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.
Zwei Eisbergbilder aus früheren PS-Expeditionen gibt es auf dieser Intro-Seite der ‘Wochenberichte‘.
Über den nordatlantischen Eissturmvogel gibt es hier bei Wikipedia viel Wissenswertes und Bilder.
Hier ein Bildbericht über die Eisberg-Allee der Baffin Bay (englisch).
Hier der Bericht über den giantischen Eisberg in der Größe Manhattans (englisch).