Marburger Bund Landesverband Hessen
 

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17.08.10

Es gab schon wieder frische Handtücher – also ist schon wieder eine Woche um! An solchen Ritualen merkt man die Zeit, die hier sonst in feineren Abstimmungen strukturiert wird durch das Essen! Es gibt vier Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen um halb Zwölf, Kaffee, Abendessen um halb Sechs (fast wie im Krankenhaus). Jede Mahlzeit außer Kaffee am Nachmittag beinhaltet mindestens ein warmes Gericht, manchmal auch mehrere. Wir bekommen immer noch frische Salate, viel frisches Obst wie Ananas, Nektarinen, Pfirsiche, Frucht der Passionsblume und natürlich Äpfel, Pflaumen, Melone. Und das alles an einer Stelle, an der sonst fast nix mehr wächst – immerhin nördlich von 75° Nord, nur noch ca. 1.500 km bis zum Nordpol!

Die letzte Woche war vorwiegend gekennzeichnet von Nebel über den Wassern, die Stimmung an Bord blieb fröhlich und zufrieden, jeder hat seine Arbeit und sein Tun. Eine Herzrhythmusstörung konnte schnell behandelt werden, weitere medizinische Kleinigkeiten waren keine wirkliche Herausforderung – kurzum: an Bord sind alle gesund, und so soll es ja auch sein! Ich mache schon sukzessive Inventur für die Nachbestellungen, die im Oktober in Bremerhaven erfolgen, damit die nächste Reise gen Süden auch wieder mit guter Ausstattung losfährt.

Die Irritationen aus der Politik sind für uns nun dahingehend geklärt, dass wir keine kanadischen Gewässer mehr anlaufen werden, alle Forschungsprogramme sind auf grönländische Gewässer beschränkt und dort ja auch vorab genehmigt. Das ist ärgerlich für die Kanadier an Bord, die ein Projekt in kanadischen Gewässern machen wollten, aber sie dürfen nichts weiter tun. Dieser Bericht in Spiegel online beschreibt den Sachverhalt schon richtig. Wir suchen jetzt eine Möglichkeit, die kanadischen Forscher „nach Hause“ zu bringen, zusammen mit zwei Deutschen, die auch schon eher zurückreisen wollten und jetzt schon mehr als eine Woche länger an Bord bleiben mussten wegen der Unstimmigkeiten. Wahrscheinlich – wenn das Wetter mitmacht – werden sie morgen in Upanarvik an Land gebracht, das liegt auf der Route, und dort gibt es auch einen Flughafen.

Der Sonntag war ein Tag zum „Ankreuzen im Kalender“: Wir fuhren, entsprechend der Forschungsplanung, Nord–Ost-Richtung grönländisches Festland, und zwar auf eine Höhe über 75°N. Es ging unter Aussetzen von speziellen Messbojen Richtung Melville Bucht. Man findet sie auf der Karte deutlich nördlich von der Diskobucht, sie liegt in dem „ausgebissenen Winkel“ der grönländischen Westküste. Der Tag begann mit wenig Restnebel der Nacht, dann klarte es auf und die Sicht war grandios. In der Ferne am Horizont konnten wir Land erkennen, zunächst wurde uns das aber noch erklärt als „Fata Morgana“, doch je näher wir kamen, desto realer wurde es. Sicher waren auch Luftspiegelungen mit dabei gewesen, aber es blieb noch eine ganze Menge reales Land übrig! Zuletzt lag das Schiff ca. 50 km vor der Bucht, kleine Inseln schauten aus dem Wasser, freier Blick zum Inlandeis, das dort bis zum Meer hinunter reicht. Dort ist ja auch eine Geburtsstätte von Eisbergen!

Laut Wikipedia gibt es in der Bucht eine Mini-Ortschaft mit ca. 40 Einwohnern, diese lag jedoch am Nordrand und konnte von uns nicht gesehen werden, auch nicht von Hubschrauber aus, der zwei Messgeräte auf dem Land und auf dem Eis absetzte. Vor den Bergen traumschöne Eisberge, manchmal von der Sonne in gleissendes Licht getaucht, manchmal ohne Sonne bleu bis grau, aber natürlich immer faszinierend. Die Anreise in die Bucht war schon ein ganz besonderes Erlebnis – die strahlende Sonne, das immer schöner werdende Panorama, wenig Wind – nie waren sooo viele Leute auf einmal auf dem Peildeck! Und alle waren in richtig froher Stimmung! Meine Frage an den Kapitän, ob man immer euphorisch wird, wenn man nach Tagen auf See wieder Land sieht, beantwortete er folgendermaßen:

Der Kapitän für Grosse Fahrt wird nervös, wenn er Land sieht, der Kapitän für Kleine Fahrt wird nervös, wenn er kein Land mehr sieht!

Und als gestern abend in relativ weiter Entfernung ein großer und gar nicht hässlicher Eisberg an uns vorbeirauschte, schaute schon keiner mehr hin, keiner zückte seine Kamera! Das wäre vor einer Woche noch total anders gewesen!

Die Bucht haben wir noch am Sonntag verlassen, wir fahren diese Strecke zurück mit neuen Messungen, sind inzwischen schon wieder weit draußen auf See und ein Stück weiter südlich. Aber, und das ist das Schöne, wir müssen da wieder hin und die Messbojen wieder einsammeln. Drückt die Daumen, dass das Wetter wieder mitspielt und uns wieder einen derart schönen Tag beschert! Das sind nämlich Freuden wie auf einem Touristenschiff!

Die hellen Abende verbringe ich mit Auslesen, Sortieren und Bearbeiten der Photos – da gibt es ja reichlich zu tun, wie Ihr Euch denken könnt, und ich habe auch schon ein paar richtig schöne Bilder „im Kasten“! Die gibt es in Deutschland zu sehen!

Aktuell fahren wir in dichtem Nebel nach dem Motto: „Man sieht, dass man nichts sieht!“ Die See ist ruhig, was für diese Gegend typisch ist, denn die Oberfläche ist zu klein, als dass sich da richtig große Wellen entwickeln können. Große Wellen hatte ich gestern Abend nach der Sauna im schiffseigenen Schwimmbad – selbstgemacht! In meinem wunderbaren Bett schlafe ich trotz Licht, trotz der Air-Guns und trotz einiger Feiern an Bord wie ein Murmeltier!

Von dem verregneten Sommer bei Euch, den Katastrophen in Pakistan, Russland und den deutschen Überschwemmungen haben wir in den schiffseigenen Kurznachrichten gelesen – man ist hier auch gedanklich sooooo weit weg in unserem eigenen kleinen Kosmos!

(E-Mail vom 17.08.10 13:24:51 -0000 (GMT))

Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.

Bild der Mellville-Bay in Wikipedia.

Satellitenbild der Mellville-Bay in Wikimapia.

 
 
 
 
http://www.mbhessen.de/neues/beitrag/1960
Stand: 17.08.10
Dank an
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