Marburger Bund Landesverband Hessen
 

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26.08.10

Während sich die Baffin Bay rund um „Polarstern“ mit umfangreichen Nebelfeldern darstellt, sich also eher verhüllt als darstellt, ist Zeit und Ruhe, die vergangene Woche noch einmal Revue passieren zu lassen.

Das Schiff wird im 15-Sekundenrhythmus leicht erschüttert – das sind die Vibrationen der Airguns, die Luftdruckblasen ins Wasser und besonders in Richtung Untergrund schiessen zu Erfassung des tief gelegenen Meeresbodens. Das ist eine anerkannte Technik zur Erforschung der Erdgeschichte. Früher hat man das wohl mit Dynamit gemacht – mit wohl schauerlichen Konsequenzen, das ist heute umweltschonender und ungefährlicher geworden. Wegen des lauten Knalls müssen wir Walbeobachtungen durchführen – sollte ein Wal gesichtet werden, müssen die Versuche sofort eingestellt werden. Leider haben wir noch keinen Wal gesehen, vielleicht haben wir die Chance darauf, wenn wir eine andere Messreihe fahren.

Im Moment fahren wir Richtung Norden, erreichen in Kürze wieder 75°N. Morgen früh wird begonnen, Messgeräte, die am Meeresgrund liegen und Daten aufgenommen haben, wieder einzusammeln. Ich bin gespannt, wie das funktioniert, aber man hat hier damit schon Erfahrung!

„Medizinisch“ wurde ich jetzt ein wenig gefordert: Die Bierzapfanlagen wurden von mir planmässig desinfiziert, damit das Bier weiterhin gut schmeckt und niemand den Genuss fürchten muss. Fässer Wechseln geht schon „wie geschmiert“! Ich lerne also manches „Lebenspraktisches“, was in meinem Studium nun wirklich nicht vorkam. Dann habe ich festgestellt, dass eine Zahnplombe nach Abbruch verloren ging, aber das macht keine Probleme. Und richtig erfolgreich war ich auch schon: Aus einem Gehörgang habe ich die verlorene Spitze eines Wattestäbchens herausgeholt – Dinge, die ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht hatte! Patient und Doc sind glücklich!

In der letzten Woche hatten wir Gelegenheit, unsere Mitreisenden, die heim wollten und sollten, an Land zu bringen. Es gab geplante Messungen vor der Bucht von Upernavik, ein Örtchen, das etwas nördlich der Disko-Bucht liegt und einen Flughafen hat. Bereits bei der Annäherung an die Küste erlebten wir erneut das wunderbare Schauspiel, wie sich aus Dunst und Nebel zunächst einige z.T. schneebedeckte Gebirgszüge herausschälten, dann kamen mehr und mehr Eisberge dazu, aber auch kleine Inseln, die gerade eben aus dem Wasser guckten. Das Panorama spannte uns erst einmal kräftig auf die Folter, weil es ausgiebige Luftspiegelungen hatte. Manche Eisberge sahen aus der Ferne aus wie eine „Plattenbausiedlung“, andere erhöhten sich locker um das Doppelte ihrer eigentlichen Höhe, und alles waren zunächst optische Täuschungen! Von der Ortschaft (ca. 1100 Einwohner) selber haben wir nichts erkennen können.

Unsere Abreisetruppe wurde in zwei Helikopterflügen an Land zum Flughafen gebracht, zwischenzeitlich sind sie gut zuhause angekommen.

Vor dem imposanten Panorama drehte das Schiff eine große Kurve – groß deswegen, weil es hinter sich her Messgeräte zieht, die an z.T. 1 km langen Seilen hängen. Und Kontakte zwischen Seilen untereinander und zwischen Seil und Schraube sind verständlicherweise unerwünscht. Da gab es schön Zeit zum Gucken!

Während dieser Messtrecken wurden auch Sedimentbodenproben entnommen: Dabei wird ein langes Rohr, Durchmesser etwa wie ein Regenrohr, mit vorgegebenem Tempo zum Meeresgrund hinabgelassen. Es ist mit dicken Bleiplatten beschwert, so dass an dem Seil ca. 1,5 Tonnen Gewicht hängen. Kurz vor dem Meeresgrund wird dann das Eindringtempo festgelegt. Man steuert es über das Tempo des hinablaufenden Seiles – und die Spannung steigt, wenn alles wieder hochgezogen wird. Ist was drin im Rohr? Und, wenn ja, was und wie viel? Nicht jeder Bohrversuch ist ein Volltreffer, aber auch kleine Bohrkerne sind den Wissenschaftlern willkommen. Sie werden im Nasslabor gekennzeichnet (Wo, wie tief, Länge), dann in ca. 1 m lange Stücke geschnitten und dann untersucht. Zuvor werden die Abschnitte durch Längsspaltung geöffnet, dann liegen die Schichten schön aufgereiht nebeneinander. Nicht alles kann verwertet werden, so dass für mich ein paar Reste übrig blieben. Das Sediment ist ganz verschieden in der Farbe und der Konsistenz. Es gibt beige, grau, sehr feinkörnig, mit Sand durchsetzt, etwas rötlich, und die Konsistenz ist unterschiedlich, aber immer ähnlich wie bei Ton. Bei diesem Stichwort ist klar, was ich vorhabe: Ich werde daheim kleine Schalen formen und versuchen, sie vorsichtig zu brennen. Wenn’s was wird, gehen die Stücke natürlich an das forschende Institut, das ist ja klar!

Der nächste Forschungsabschnitt erforderte erneut die Annäherung an Grönland, diesmal in der „Sugar Loaf Bugt“, zwischen Upernavik im Süden und der Melville–Bucht im Norden gelegen! Und das war erneut ein passendes Sonntagshighlight: wiederum Aufklaren mit Annäherung an die Küste, und erneut ein beeindruckendes Berg– und Eispanorama, dazu sah man so manchen Eingang in einen Fjord, der dann sicher noch näher an das Inlandeis heranführen würde, wenn man ihn befahren würde. Auch hier wieder eine Geburtsstätte für Eisberge – und das waren richtig große, beeindruckende Klötze, die an uns vorbeischwammen. Sie hatten Ausmaße, die auch „Polarstern“ zum Umrunden gezwungen hätten, wären sie auf unserer Route unterwegs gewesen!

Unser Kurs geht jetzt wieder Richtung Norden, und weit draussen auf See holt uns der Nebel schnell wieder ein – so, wie es für dieses Meer typisch ist. Die See ist meist sehr ruhig, eine fast glatte und dabei spiegelnde Oberfläche, aber wenig Vögel und selten mal eine Robbe. Alle sind begierig auf Wale und Eisbären – wir hoffen weiter, wir sind ja noch einige Wochen unterwegs!

Gestern abend lag ich in der Sauna, nachdem ich zuvor im Schwimmbad gewesen war (winzig klein im Vergleich zum Schlangenbader Bad!), da fuhr das Schiff über Eisschollen! Den Lärm könnt Ihr Euch kaum vorstellen! Ja, die Sauna und Schwimmbad liegen tief unten im Schiffsbauch! Von Einigen von Euch weiss ich, dass sie in Urlaub sind, sie werden auch mit neuen Eindrücken und Erlebnissen zurückkehren – hoffentlich gesund und fröhlich und gut erholt. Dass die Bundeswehr umgebaut werden soll zwecks Einsparungen, dass in Pakistan die Hilfe schleppend anläuft und die Überschwemmungen wohl noch nicht beendet sind, dass die Diskussion um Brennelementesteuer und die Atomdiskussion jetzt an Fahrt gewinnt, kriegen wir aus Kurznachrichten mit.

Und das Wichtigste zum Schluss: auch die Betten sind schon wieder frisch bezogen!

(E-Mail vom 24.08.10 20:45:49 -0000 (GMT))

Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.

Bilder und Info zu Upernavik in Wikipedia.

Satellitenbild der Sugar Loaf Bugt in Wikimapia.

 
 
 
 
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Stand: 26.08.10
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