Frische Handtücher künden vom neuen Wochenbericht – und was gibt es da nicht alles zu erzählen!
Also, in der vergangenen Woche haben wir dann planmäßig die auf dem Meeresgrund in ca. 2500 m Tiefe liegenden Messgeräte wieder eingesammelt. Das geht so vonstatten: An der vorgegebenen Stelle sendet das Hydrophon, das da ins Wasser gehängt wird, im Abstand von jeweils ca. 10 Min. einen Impuls aus, der das Messgerät veranlasst, sich von seinem Anker zu lösen. Wegen der großen Auftriebskörper steigt es dann nach oben, ab ca. 2300 m, manchmal auch schon eher, kann man seine Daten erfassen und genau sehen, wie schnell es steigt. Das Schiff steht derweil auf der Stelle; wenn die letzten 90 m anfangen, sind alle ganz gespannt und starren auf die Wasseroberfläche: wo wird es auftauchen?
Die ersten der Geräte tauchten zwar bei immer noch geringem Seegang auf, aber die Wellen waren so ca. 2 m hoch, da war es nicht so einfach, das Ding zu entdecken. Es hat ein kleines rotes Fähnchen und dazu eine Kordel mit einem Schwimmkörper daran, und die Auftriebskörper sind orange-rot, also farblich gut zu erkennen! Aber zwischen den Wellen? Das Schiff dreht dann ganz in die Nähe, so, dass der Messkörper steuerbords zu liegen kommt; dann fährt man mit dem Arbeitsdeck ganz in die Nähe, Abstand ca. 2–4 m; dann wirft jemand vom Arbeitsdeck einen Anker am Seil aus, der sich in der Kordel mit Schwimmkörper verfängt – nicht immer gleich beim ersten Wurf! Damit zieht man das gute Stück dann nahe ans Boot, die Kordel wird benutzt, um das Gerät am großen Kran festzumachen und dann wird es hochgezogen und gleich auf seinem nächsten, neuen Anker platziert – das Ding wiegt ca. 200 kg!!! 26 Stück wurden so wieder geborgen – alle! Inzwischen werden sie – nach Auslesen der gesammelten Daten und Neuprogrammierung an anderer Stelle wieder ausgebracht und es geht von Neuem los.
Das Ausbringen ist nicht so aufwendig, weil das Schiff am Ort der Bestimmung anhält, das „Ins-Wasser-Werfen“ geht ja flink! Und später sammeln wir sie wieder ein! Das bedeutet, wir fahren wieder in diese interessante Gegend!
Dieses erste Einsammeln wurde auf der Strecke in die Melville-Bucht gemacht, die erste Bucht, die ich von Grönland gesehen hatte. Dort hatten wir wieder echtes Traumwetter, mit fantastischer klarer Sicht und Eisbergen und weitem Blick bis zum Inlandeis, das an manchen Stellen bis ans Meer hinunter reicht. Die Geologen haben in zwei langen, ausgiebigen Flügen das Festland erkundet und Steine eingesammelt, und wir lagen in der Bucht, dieses Mal noch viel näher an der Küste als beim letzten Mal – und das über mehrere Stunden! Nie war das Peildeck so voller Menschen – und alle, alle knipsten, was das Zeug hielt! In dieser langen ruhigen Zeit hatten wir natürlich gut Gelegenheit, mal nach Tieren außer Vögeln zu schauen, schließlich befanden wir uns in einem Schutzgebiet! Doch zwischen den Eisbergen und –schollen zeigte sich nichts – keine Robbe, keine Fische, erst recht keine Wale, und auch an Land war kein Tier zu sehen. Irgendwie also eine morbide Schönheit!
Die Geologen, die mit dem Hubschrauber unterwegs gewesen sind, haben die winzige Stadt am Nordrand der Bucht gesehen: Kirche, Häuser – aber nichts, was auf „Leben“ hindeuten würde! Keine Menschen, keine Hunde, und auch keine Boote im kleinen Hafen. Laur Wikipedia leben die Menschen dort u.a. auch von Tourismus: Man kann angeblich Vögel beobachten und mit dem Skidoo Ausflüge machen.
Unsere Reise setzte sich fort zunächst nach Südwesten, dann jedoch bogen wir ab gen Norden – und dann immer geradeaus! Wir fuhren direkt in die Öffnung der Nares–Street hinein, und das merkten wir schnell an der Zunahme von gigantisch grossen Eisbergen! Jetzt – endlich! – war die Reise so, wie es mir vorgestellt hatte: wir auf dem Wasser, umgeben von Eisbergen, und dazu hin und wieder ein Blick auf’s Land!
Das Wetter klarte wieder auf und hielt sich auch, wenn auch nicht immer die Sonne schien, doch die Sichtweite am Boden blieb weit und gut, so dass wir das Land vorbeiziehen sahen. Jetzt waren wir schon auf Höhe der Thule–Air Base, und unsere Nordfahrt endete vor einer Insel, die an der Mündung des Fjordes liegt, der zur Stadt Thule führt! Wegen der großen und sehr mächtigen Eisberge wurde gestern Nacht gegen Mitternacht der Streamer eingeholt – er treibt gut 1 km hinter uns her, denn das Schiff musste ja eine große Kurve machen, um wieder Südrichtung zu bekommen. Man hatte Befürchtungen, dass die Streamer-Leine sich in einem der Eisberge verfangen könnte – schließlich sieht man ja nur einen Bruchteil des Eises oberhalb des Wassers! So kam es, dass ich mich – nach der Sauna! – nur mit einem Handtuch bekleidet auf dem Helideck wiederfand, umgeben von herrlichstem Panorama mit der untergehenden Sonne.
Das, was wir vom Land sehen können, ist äußerst karg, viel Erosionen, und man meint auch, neben den Gletschern die Anzeichen der Klimaerwärmung zu erkennen: Da sind so breite Seitenmoränen und die Zungen reichen kaum bis ans Wasser. Die Geologen haben bei ihren Flügen über das Land aber zwei Schneehasen, einen Polarfuchs und Moschusochsen gesehen! Also lebt da doch auch was, und sie berichteten auch von wenig Gras, mehr Flechten zwischen dem Geröll, was aber durchaus überwiegt!
Die Stimmung auf dem Schiff entwickelt sich so peu a peu in Richtung „Traumschiff“. Da gibt es unzureichend bearbeitete Lebenskrisen, immer wieder Erzählungen von zuhause, meistens mit Photos von Garten und Hund, alte Liebschaften gehen zuende, neue entwickeln sich hie und da – kurzum, wir haben an Bord „das pralle Leben“ mit allen Auf’s und Ab’s. Ob wir allerdings so schnell Lösungen finden wie auf dem echten „Traumschiff“, das wage ich zu bezweifeln! Manche Zeitgenossen wollen ihre Probleme ja gar nicht ändern – wer weiß das schon…
In meiner Funktion als Doc und insbesondere auch als „Neue“ in der Gruppe bekomme ich Einiges erzählt, aus sehr privatem Bereich – vielleicht auch unter dem Wissen der ärztlichen Schweigepflicht! Ich finde diesen Prozess sehr interessant und beobachte aufmerksam, was sich in der Gruppe abspielt. Und auch ich werde ganz direkt nach eigenen persönlichen Lebensumständen gefragt – das ist der Umgang an Bord: man spricht die Probleme eben an! Das ist nicht das Schlechteste!
Ein Erlebnis der besonderen Art: Heute Nacht wurde ich aus tiefem guten Schlaf wach, schlug die Augen auf und mein Kammernachbar stand in meiner Kammer – völlig erschrocken mit seiner Kamera in der Hand, „ach, ich bin ja in der falschen Kammer“ und verschwand. Ja, man hatte einen wunderschönen Ausblick auf sonnenbeleuchtete Eisberge vor meinen Fenstern…
Heute morgen trafen wir uns: „Was war das denn heute nacht?“ „Oh mein Gott, ich habe die Tür verwechselt, der Sonnenuntergang war so schön, ich guckte auf die Bilder, die ich gemacht hatte, bis ich auf einmal einen Fernseher sah – den habe ich nicht in meiner Kammer!“ Fröhlichstes Lachen von uns beiden! Und dazu eine Flasche Rotwein, die wir natürlich gemeinsam trinken werden!
Euch da in Deutschland beneide ich nicht um den vielen Regen, um die Neuwahl des hessischen Ministerpräsidenten, um die Diskussion um die Atomkraftwerke! Aber später bin ich auch wieder dabei und habe dann den bildergefüllten Kopf, der mich diese Querelen sicher gut aushalten lässt! Auf Musik und Kultur freue ich mich schon jetzt!
(E-Mail vom 31.08.10 12:37:53 -0000 (GMT))
Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.