Marburger Bund Landesverband Hessen
 

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08.09.10

Baffin Bay knapp 75° N

Nach dem Ausflug in der letzten Woche hin und zurück in die Nares-Street sind wir inzwischen mal wieder mehr im Süden. Das merken wir zu allererst daran, dass es morgens deutlich länger dunkel ist und die Nächte auch deutlich dunkler sind. Es sind doch ca. 200 km, die wir hin und her fahren in Nord-Süd-Richtung! Das Hin- und Herfahren findet aber jedes Mal auf einer anderen Route statt, und zwar parallel zu den schon gefahrenen Routen. So kann mit den Messgeräten letzten Endes eine große Fläche am Meeresgrund erforscht werden, und das ist ja auch das Ziel.

In der Nares-Street waren wieder die OBS (Ozean-Boden-Seismometer) ausgesetzt, die wir wieder eingesammelt haben. Als wir in der grossen Bucht vor der Insel waren und das erste OBS eingesammelt werden sollte, machte das Schiff in der Bucht große Kurven, fuhr im Kreis um einen recht hübschen Eisberg herum - man wunderte sich! So etwas machen doch eigentlich nur Touristenschiffe! Des Rätsels Lösung: Man hat das OBS geortet und zwar genau unter dem mächtigen Eisberg. Da hiess es abwarten, bis der Eisberg sich wegbewegt hat und wir dann „zugreifen“ können.

Zuletzt sind dann drei Punkte gemessen worden - dank GPS und anderer technischer Hilfen - und der Abstand zum OBS bestimmt worden; man entschied sich zum Auslösen mit dem Hydrophon, wie ich es letzte Woche beschrieben hatte. Warten - dann kam es genau passend neben dem Eisberg hoch in einem Abstand zu ihm so weit, dass die Polarstern dazwischen fahren konnte zum sicheren Bergen und selbstverständlich, ohne den Eisberg zu touchieren. Das habe ich auf der Brücke miterleben können - es sind richtig spannende Momente für alle, die da beteiligt sind.

In diesen Tagen gab es auch mehrere Hubschrauberflüge auf das Festland, zum Einen zum Aussetzen bzw. Einsammeln von Seismometern, zum Anderen zum Einsammeln von Gesteinsproben für die Geologen. Die sind zum Teil überglücklich, weil sie urururururalte Gesteine gefunden haben, die auch für die wohl eine Seltenheit darstellen. Sie werden jetzt hier katalogisiert und archiviert und dann später in Deutschland beprobt!

An einem Abend habe ich einen Besuch gemacht im geomikrobiologischen Labor. Schon der Name ließ mich zuerst mal stutzen: Geo-Mikrobiologie?

Mikrobio - okay, damit kann ich was anfangen, aber GEO? Aus den Bohrkernen werden unter „sterilen“ Bedingungen Proben entnommen, sogleich in eine bestimmte Nährlösung unter Sauerstoffabschluss gegeben, dann geschüttelt und durchmischt und in einer sauerstofffreien Atmosphäre nach Hause transportiert. Dort wird man dann schauen, welche Keime dort wachsen, die mit Luft oder mit Sauerstoff vermutlich sofort absterben würden. Man schaut auch noch nach Sporen, z.B. auch von uns bekannten anaeroben Keimen, und ein Teil der Proben wird bei -80° tiefgefroren für Untersuchungen der DNA, also des Erbgutes. Die Asservierung der Proben muss flink gehen - verständlicherweise, wenn man weiss, dass es anaerobe Keime sind, die untersucht werden sollen! Morgen abend halten die jungen Wissenschaftlerinnen, die das machen, ein Referat zu diesem Thema, ich freue mich drauf!

Ich habe letzte Woche im Rahmen der wöchentlichen Referate über meine Überwinterung berichtet, einige aus der Mannschaft hatten mich dazu angesprochen. Das war eine Herausforderung, weil eben nicht nur „Laien“ dabei waren, sondern auch weitere ehemalige Überwinterer. Aber meine völlig unwissenschaftliche Darstellung mit schönen Photos kam gut an und überraschte selbst den Fahrtleiter, der auch schon überwintert hatte! „So kann das wohl nur eine Frau darstellen! Ich bin begeistert!“ war sein Kommentar!

Jetzt sind wir wieder unterwegs Richtung Norden, das Wetter soll schlechter werden mit Schnee, und die Temperaturen gehen nur noch bis ca. +1° hoch, bislang lagen wir doch bei +5°. Gestern hatten wir dann auch schon Vorboten der Herbststürme mit Windstärke 6, die aber auf dem Schiff gut zu erleben ist. Niemand kam zu mir wegen Seekrankheit, wohl auch ein Zeichen, dass wir inzwischen alle „Seemannsbeine“ bekommen haben. Ach, und ich kann hier auf dem Schiff so herrlich gut schlafen, wenn es ein wenig schaukelt, fühlt man sich nicht „verschaukelt“ in seiner Koje, sondern einfach wohlig aufgehoben! Am Wochenende habe ich einige richtig Kranke gehabt, die aber dank der verfügbaren Medikamente und dank einer notwendigen fachlichen Unterstützung per Mail schnell wieder fit wurden.

Dazu kontrolliere ich die arbeitsschutztechnischen Vorgaben wie Augenspülflaschen und Erste Hilfe-Kästen, sie werden monatlich kontrolliert und ggf. aufgefüllt, was ja absolut sinnvoll ist.

Der Samstagabend war mehreren Geburtstagen gewidmet, dazu Bergfest dieser Reise! Also gab es einen schönen und für manche auch langen Grillabend an Deck, um die Ereignisse entsprechend zu würdigen. Das ist schön hier: Die regelmässige Arbeit geht weiter, aber feiern kann man trotzdem, und das macht das Arbeitsklima angenehm!

Der heutige Abend ist MEIN Kinoabend: VOM WINDE VERWEHT! Natürlich der alte Film mit dem wunderbaren Rhett Buttler (Clark Gable - leider schon tot -) und der dämlichen Frau Scarlett O’Hara. Da ziehe ich mich in meine Kammer zurück, mit grossem Handtuch zum Heulen, einem kleinen Whiskey statt einer Flasche Rotwein, und dann gemütlich in den Sessel! Vier Stunden fast! Jetzt beneidet Ihr mich alle, nicht wahr?

Was machen denn bei Eurem Regenwetter und Kälte die Tomaten im Garten? Von der energiepolitischen Debatte habe ich gelesen, die Katastrophe in Pakistan scheint sich keineswegs zu verbessern, für Sarrazin sucht sicher jemand einen neuen Job (warum eigentlich, der ist 65 und kann in Rente gehen) und für die nächste Überwinterung an Neumayer sucht das AWI noch einen Arzt /Ärztin. Wer hat Lust?

Dass mein Bett schon wieder frisch bezogen ist, versteht sich von selbst!

(E-Mail vom 07.09.10 22:04:33 -0000 (GMT))

Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.

 
 
 
 
http://www.mbhessen.de/neues/beitrag/1970
Stand: 22.09.10
Dank an
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