Marburger Bund Landesverband Hessen
 

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14.09.10

Baffin Bay, knapp 76°N ca. 68°W

Nach einem hervorragenden Mittagessen kann ich meine Gedanken gut sammeln, um Euch über die vergangene Woche zu erzählen!

Das Wichtigste zuerst: die Handtücher sind schon wieder frisch!

Nachdem ich letzte Woche über Windstärke 6 schrieb, haben wir uns weiter auf den Weg nach Norden begeben. Das merkte ich Laiin daran, dass der Wind immer mehr zunahm, aber er kam zum Glück für uns alle direkt von Norden und uns damit genau entgegen. Das nahm das Schiff „locker“, auch den Anstieg auf Windstärke 9. Wir fuhren, nachdem wir von Grönland die Erlaubnis bekommen hatten, immer weiter nach Norden in die Nares Street hinein, durch die Enge, in der Grönland und Kanada nur ca. 50 km weit voneinander entfernt sind.

Zu sehen gab es nichts für uns – leider, weil der Wind eben auch Wolken im Gepäck hatte. Dann wurde er in dieser Meerenge – wie in einem Schlot – immer schneller. Windstärke 9 von vorne und damit auch von Norden – ja, ich hab’s probiert, meinen täglichen Spaziergang auf dem Peildeck beizubehalten. Das war überhaupt nicht einfach, ich habe alle meine Kräfte und Konzentration zusammen genommen, dann habe ich es bis vorne ans Geländer geschafft, und da hat er mich dann aber gepackt!!!! Ich musste mich richtig mit beiden Händen anklammern, sonst hätte der Wind mich unkontrolliert umgeweht! Ich bin nicht gefallen und war glücklich, mich nach wenigen Minuten in die kuschelige warme Brücke „retten“ zu können. Aber ein (kaltes) Erlebnis war es doch.

Und was man da für Geräusche wahrnehmen kann: Draußen singt der Wind an den Antennenmasten, in den Seilen und Tauen. Und drinnen hörte man, besonders wenn man abends dann in der Koje liegt, wie das Schiff bei dem Seegang ächzt und stöhnt, es knarrt und knarzt und sich richtig in den Wellen verwindet. Und da liege ich dann in meinem wunderbaren Bett und fühle mich – trotz der vielen schiffseigenen Geräusche – einfach wohlig aufgehoben und in den Schlaf gewiegt! Schrecken? Nicht die Spur! Am nächsten Tag muss ich die Karten an der Wand neu befestigen mit Magneten, weil sie durch die Bewegungen der Eisenwände verrutscht sind! Und das tun sie beinahe täglich!

Hinter der Enge, dem Smith Sound (frei übersetzt: Schmidtchens Schlund), eröffnete sich dann das Kane Basin – unser Ziel. Mit dem Passieren der Enge besserte sich fast schlagartig das Wetter: ruhige Tage mit viel Sonne und noch zeitigen Sonnenaufgängen wurden uns beschert! Der grosse Humboldt–Gletscher, der von Grönland hier ins Meer fließt, hatte sich weit in die Bucht ausgedehnt, so dass die Messroute mehr in der Mitte der Bucht gefahren werden musste, andernfalls hätten die Geräte, die wir hinter uns her ziehen, vermutlich Schaden genommen.

So passierten wir den Breitenkreis 80° N – und auf meine Anregung hin wurde es auch für alle auf dem Schiff durchgesagt, dass wir gerade jetzt den 80. Breitenkreis überfahren. Man könnte meinen, einen winzigen „Huppel“ verspürt zu haben, als wir drüber fuhren… Nur noch 10° bis zum Nordpol, oder genauer: ca. 1.100 km. (Nach Hause ist es viel weiter!)

Unsere Route endete vor der nächsten Enge, die noch nie von einem Schiff durchfahren wurde, d.h. Grönland wurde als Insel noch nie mit einem Schiff umrundet! Hier an dieser Stelle mussten schon viele Seefahrer und Polarforscher vor dem Eis kapitulieren. Wir wollten dort gar nicht erst hin, aber wir konnten aus relativ geringer Distanz die weite Einfahrt da nach Norden sehen! Unser Schiff machte, immer unter Berücksichtigung der Eisberge und –schollen, eine große Kurve bei 80°10’ N und ab ging es wieder nach Süden. Jetzt erneut durch den Smith Sound – diesmal bei ruhigem Wetter und Rückenwindchen mit herrlichen Ausblicken sowohl nach Grönland wie auch nach Kanada. Die dortigen Berge von Ellesmere Island waren tief verschneit, in Grönland sah man eher Schotterhänge.

Während das Schiff dort seine Runde abfuhr, flogen Geologen weiter nach Norden, über die unpassierbare Meerenge, aber insbesondere zum Land, um erneut Gesteine zu sammeln. Sie kommen von all diesen „Ausflügen“ total begeistert zurück, denn selten haben sie es so leicht mit dem „Steinesammeln“. Sie liegen ja einfach so herum, nahezu unbedeckt von Gras oder Moos und Flechten – darum ein richtiges „Geologen–Paradies“! Und sie bringen schöne Steine mit! Hin und wieder auch welche für uns Laien, die wir uns einfach nur daran freuen! Auf einem der Flüge haben sie auch einen Eisbären gesehen, der gerade zum Mittag eine Robbe verspeiste! Mindestens zwei große Eisschollen waren blutig! Bilder stehen für alle verfügbar im Intranet – klasse Sache!

In den letzten Tagen haben wir angefangen, das Gebiet im Zick–Zack–Kurs zu vermessen, dann gibt es später Daten von der Nord–Süd–Richtung und jetzt welche dazu in Ost–West–Richtung. Gestern und heute ist das Meer ruhig, der Wind erträglich und die Eisberge zahlreicher. Keiner guckt schon mehr so richtig hin, wenn sie vorbeischwimmen…

Die Leutchen sind weiterhin alle gesund, ich biete kleine Übungen an zum Blutdruckmessen, Pulszählen und Infusionen Richten. Das macht Spaß, die, die kommen, sind voller Interesse dabei! Die nächsten Stunden sind schon fast ausgebucht.

Nachtragen will ich noch von der letzten kleinen Fortbildung am Mittwochabend. Die Geo–Mikrobiologinnen haben aus ihrer Arbeit erzählt, und da wird deutlich, wie wir Menschen hier mit unserer Erde umgehen: Wir haben ja vor einigen Jahrzehnten die Fluor–Kohlenwasserstoffe entwickelt, die nahezu nicht abbaubar sind. Und jetzt haben die Geo–Mikrobiologen Keime entdeckt, die in der Lage sind, derartige umweltunfreundliche Stoffe abzubauen. Das wird auch schon industriell genutzt. Ja, Forschung ist wichtig!

Auf dem Schiff hat sich die Atmosphäre gewandelt: Überall hängen Hinweise, dass Neptun ungehalten ist, dass dieses Schiff mit zahlreichen Ungetauften seine Gewässer befährt, man wird ihn nur besänftigen können, indem die Unreinen baldigst getauft werden und damit als Bürger in Neptuns Reich Anerkennung finden können. Heute früh fand ich an meiner Kammertür ein unmögliches Photo, auf dem ich angeblich darum bitte, endlich getauft zu werden… Andere haben so was auch vorgefunden!

Man wird mir zustimmen: Die Wissenschaft arbeitet hier rational und ausschließlich faktenorientiert!

(E-Mail vom 14.09.10 17:22:17 -0000 (GMT))

Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.

 
 
 
 
http://www.mbhessen.de/neues/beitrag/1977
Stand: 14.09.10
Dank an
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