Während ich neben meinem frisch bezogenen Bett sitze, versuche ich, die Ereignisse der vergangenen Woche in Erinnerung zu rufen. Und, obwohl hier ja gar nicht so schrecklich viel passiert in einer ausgesprochen reizarmen Gegend, muss ich mich doch anstrengen, alles zusammen zu bekommen.
Wir kreuzen z.Zt. deutlich weiter im Süden zwischen 73°-75° N in den grönländischen Gewässern umher. Hier werden Mess-Spuren gelegt, wo die Erdkruste für die Fragestellungen der Geophysiker interessant und wichtig ist. Insofern fahren wir manche Strecken mehrfach, wie man auch auf dem Kursplot sehen kann: die erste Route wird gelegt, um mit Seismik die direkte Schallreflektion zu erfassen, dann folgt der Weg zurück, etwas seitlich versetzt zur ersten Route, um die Ozeanbodenseismometer (OBS) auszusetzen zur Refraktionsmessung. Etwas versetzt deswegen, weil bei jeder Fahrt das Schiff den Meeresuntergrund mit Hydrosweep erfasst. Um ein möglichst umfassendes Bild aus der Bathymetrie, des Meeresgrundes, zu bekommen, fährt man parallel zu den einzelnen Routen. Die OBS jedoch kommen wieder auf die zuerst gefahrene Route, d.h. das Schiff macht immer Abzweige von der Parallel – Strasse zur Mitte hin von Punkt zu Punkt. So ergibt sich eine Linie, die aussieht wie aneinander gereihte Us, mal re., mal li. (Eine Hausfrau sieht darin so etwas wie ein Häkelmuster…) Und da durch diese Fahrttechnik insgesamt drei Routen parallel zueinander gefahren werden, bekommt man ein breites Vermessungsfeld des Meeresgrundes. Auch diese Daten werden in die Auswertungen mit einbezogen.
Zum Ende der letzten Woche erreichten wir auf unserem Kurs nach Süden das Kap York, eine hervorragende Fels-Spitze an der ausgebissenen Stelle von Grönland. Diese Landnähe war wieder ein „event“ – es handelte sich hier offenbar um einen Eisbergsammelplatz, denn noch nie hatten wir derart viele und derart große Eisberge an einer Stelle zusammen. Dazu wunderbares Sonnenlicht, und die Berge an der Küste z.T. mit Schnee bedeckt, sonst rot-brauner Schotter.
An einem dieser Eisbergmonster fuhren wir relativ nahe vorbei, in der klaren Luft kann ich keine Entfernungen mehr schätzen. Der Eisberg war höher, als das Schiff aus dem Wasser aufragt, und das tut es mit ca. 21m! Ein gewaltiger Klotz!
Das Foto (Stüwe) des Monstereisberges, das sich mal durch die schmale Leitung gezwängt hat, zeigt im Vordergrund die Bergung des Airgun-Systems
Oben sah man auf einer Ecke ein Stück Eis schräg liegen, man konnte erwarten, dass es herunter fällt… Ganz ganz langsam drehte Polarstern – in solch einer Gegend mit dem langen Streamer im Schlepptau ist das eine nautische Herausforderung, die auch hier vorsichtig und sorgfältig angenommen wurde. Ohne Verluste drehten wir ab zum nächsten Ziel = Messpunkt. Und als wir uns immer weiter entfernten, sah ich plötzlich von „unserem Monstereisberg” etwas ins Wasser fallen und danach ein Schollenschleier, der neben dem Eisberg bleibt. Das muss das Stück gewesen sein, dass uns hier schon auffiel. Gut, dass es erst da hinten herunter stürzte, das muss anständig geplatscht haben! - Und das Gesamt-Panorama bleibt unvergesslich.
Tage mit sehr ruhiger See folgten, auch Nebel, da fiel es nicht schwer, sich um die Bestellungen zu unserer Ablösung zu kümmern. Die Sonne geht jetzt erst gegen 10h UTC auf, jeden Tag ein bisschen später, und heute haben wir ja wohl Herbstanfang. Da werden die hellen Stunden hier oben schnell viel viel weniger werden und die Sonne kommt jeden Tag später hoch!
Einen solchen ruhigen Tag mit ruhiger See nutzten wir zur Übung mit den Rettungsbooten. Das gehört zum Gesamtsicherheitskonzept – das ständige Trainieren der Crew in Sicherheitsfragen. Nach genauen Ablaufplänen wird das entsprechende Boot vorbereitet, dann zu Wasser gelassen und dann Probegefahren. Funkgeräte wurden getestet, wie und von wo Kontakt mit der Brücke aufgenommen werden kann, und zum Schluss wurde der Ausstieg über eine Strickleiter geübt. Das war nun überhaupt nix für mich, weil meine Arme es nicht schafften, mich dort hochzuarbeiten. (Habe ich noch nie geschafft!!!) So wurden ich und auch andere mitsamt dem Boot wieder an Deck genommen! Eine interessante Erfahrung, auch, mit dem relativ kleinen Boot auf dem Meer umherzufahren. Es schaukelt trotz den geringen Wellenhöhe ganz ordentlich, man kann sich aber anschnallen und – im Ernstfall! – darin warten, bis Rettung kommt. Aber natürlich ist es viel wichtiger, alles zu vermeiden, dass so etwas überhaupt notwendig wird! Und das geschieht hier nach meinem Eindruck hervorragend! Das ist „gelebte Qualitätssicherung“!
Zusammen mit dem Fahrtleiter hatte ich Gelegenheit, die „Maschine“, das Herzstück des Schiffes, tief unten im Schiffsbauch zu besichtigen. Der Chief = Chefingenieur hat uns sein Reich gezeigt: allein 70 Tanks werden dort überwacht, dort erfolgt die Trinkwasserproduktion durch Osmose und Verdampfen, die Abwasseraufbereitung und –entsorgung, die Klimaanlage und die Stromerzeugung sind dort, und natürlich die großen Schiffsmotoren mit den dicken Wellen zu den Schrauben. Und auch den Tunnel des vorderen Querruders haben wir besichtigt, waren also fast ganz unten im Kiel. Es ist unglaublich, was sich in diesem Schiff alles verbirgt und was auch alles nötig ist, damit hier intensive Forschung betrieben werden kann, wir aber auch gemütlich und satt im Warmen sitzen und E-Mails an „die Lieben daheim“ schicken können! Und was am eindrucksvollsten war: es ist dort so sauber, dass man vom Fußboden essen könnte! Beeindruckende Photos aus diesem Bereich werde ich mitbringen!
Erneut hatte ich einen Patienten mit heftigem „Hexenschuss“. Da werden natürlich „Hausbesuche“ gemacht incl. Essen in die Kammer. Die ersten Schritte über die Treppe wurden streng unter Aufsicht durchgeführt, so dass wir dieses Therapiekonzept als „Zimmer- und Begleitservice“ definiert haben. Nun geht es ihm schon wieder so gut, dass er auf diese Servicearten
verzichten muss und auch kann!
Meine letzten Spaziergänge an Deck waren zunehmend eintönig – keine Wale, keine Eisberge, keine Schollen – nur ein unendlich weiter Blick über das Meer. Da vergesse ich doch glatt, dass die Erde eine Kugel sein soll – hier sieht sie genau aus wie eine Scheibe… Wenn ich es nicht besser wüsste!
Bei Euch beginnt nun wohl der sonnige Herbst, wenn ich die Nachrichten richtig gelesen habe. In einzelnen Mails wird berichtet von neuem Wein, von Pilzen, von Blätterverfärbungen ins Rötliche. Darauf freue ich mich
schon sehr. – Das, was aus der grossen Politik hier an Infos bei uns landet, ist nicht so berauschend. Man fragt sich, ob wir hier in der „Einsiedelei“ was verpassen? Jetzt, wo wir uns schon weiter im Süden aufhalten, haben wir hin und wieder die Möglichkeit, ins Internet zu gehen. Vielleicht wird die eine oder andere Bildungslücke noch an Bord geschlossen. Wenn man Internet nicht hat, merkt man erst, wie praktisch es häufig ist!
Die „Schergen von Neptun“ werden immer aggressiver in ihren Drohungen den „Schmutzfinken“ gegenüber – am Samstag ist Polartaufe angesagt! Aber: die „Schmutzfinken“ finden (rotten) sich auch schon zusammen und werden sicher nicht duldsam sein. Die Wand im Treppenhaus wird mit Hinweisen, Zetteln, „Drohungen“ und „Gegendrohungen“ immer voller, bald passt nix mehr hin. Darum meine Bitte: denkt am Samstag mal an mich!
(E-Mail vom 21.09.10 19:16:18 -0000 (GMT))
Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.