Während ich hier schaukelnd sitze und tippe, trocknen im Bad schon wieder frische Handtücher – also wieder Zeit, an Euch zu denken und Euch zu erzählen!
In der letzten Woche haben wir weitere Messprofile, zuerst in Ost-West–Richtung, später dann in Nord-Süd–Richtung gefahren. So wird die Erde seismisch in nahezu allen Himmelsrichtungen vermessen. Dazu gehören immer Magnetikflüge, und das Wetter erlaubte es auch, dass die Flieger ihr ganzes geplantes Programm absolvieren konnten. Es gab nicht viel Neues zu sehen und zu entdecken, die Küste war weit entfernt, ringsum nur Wasser und hin und wieder ein Eisberg – bis, ja bis wir in den frühen Morgenstunden am Horizont etwas Neues erblickten. Zuerst dachten wir an Eisberge, aber die Silhouette war anders, und als wir näher kamen, wurde deutlich, dass es sich um ein Bohrschiff handelte. Es ist das Bohrschiff, weswegen Greenpeace hier demonstriert hat. Wenig daneben ein Versorgungsschiff und weiter außerhalb in der Nähe eines großen Eisberges ein weiteres Schiff – dieses kannten unsere Nautiker gut mit seiner ganzen Geschichte: es war die „Fennica“.
Dieses Schiff stammt aus Finnland und ist hier eingesetzt, das Bohrschiff vor Eisbergen zu schützen. Übrigens haben Schiffe eine Einrichtung, deren Kennung man per Radar erfassen kann, wenn sie frei geschaltet ist. Normalerweise tun das die Schiffe. So wusste die Brücke gleich, worum es sich handelt.
Unsere Route ging aber in Form von Matratzennähten hin und her, und dabei immer näher ans Land heran. Alle ausgesetzten Boden–Seismometer wurden wieder eingesammelt, ohne Verluste! Alle kamen richtig hoch, und die Nautiker sind inzwischen schon gut geübt im dichten Heranfahren, dass sie schon persönliche Bestzeiten aufstellen – sechs Minuten war das kürzeste vom Auftauchen bis zum Einholen am Arbeitsdeck!
Als Abschluss dieser Seismik-Messserie fuhr das Schiff Richtung Küste und zwar an die Nordecke der Diskobucht. Wir fuhren dann, um die amerikanische Walbeobachterin auf den Heimweg zu bringen, von Norden her in die Enge der Diskobucht ein und mit Sonnenaufgang waren auch schon in nächster Nähe die Berge der Disko-Insel (grönländisch: Qeqertarsuaq) zu sehen – leider noch zum Teil wolkenverhangen. Doch in Wolkenlücken sahen wir, dass frischer Schnee gefallen war in der Höhe, eine messerscharfe Linie markierte die Schneefallgrenze, die im übrigen an den Nordhängen von Disko Island deutlich tiefer war als an den Südhängen des gegenüber liegenden Festlandes! Eisberge zuhauf umschwammen das Schiff, die Nautiker hatten alle Hände voll zu tun, das Schiff weiterhin ruhig und sicher durch die vielen Eisberge zu steuern. Klasse machen sie es, es ist eine Freude, zuzuschauen!
Je weiter wir in die Bucht kamen, desto schöner wurde das Wetter. Wer es irgendwie einrichten konnte, war an Deck mit Kameras, das immer wechselnde Panorama verlockte zu unzähligen Photos. Es gab Eisberge in allen Variationen: große und kleine, runde und zackige, mit und ohne Loch, rein weiße und gestreifte, weiße und schwarze – ja, richtig schwarze: Die waren an der Oberfläche so dick mit Sediment der Moräne belegt, dass man schon den Eindruck gewinnen konnte, hier würde bald Gras wachsen!
Der Heli brachte die Walbeobachterin nach Illulissat, hier die grösste Stadt mit ca. 4.000 Einwohnern. Und die Zivilisation machte sich bemerkbar: insgesamt trafen wir drei Schiffe, alle drei winzig klein und mit hoher Wahrscheinlichkeit Fischerboote. Dann hatten viele plötzlich seit langem wieder die Möglichkeit, mit dem Handy zu telefonieren oder SMS zu schicken. Ja, die Erde hat uns wieder…
Die Ausfahrt aus dem Fjord nach Süden war eine wunderbare Fahrt in die Abendsonne, bei Dunkelheit bogen wir ab nach Süden und haben inzwischen schon den Polarkreis hinter uns gelassen.
Das Wochenende war aber „Neptun“ und seiner Gemahlin „Thetis“ gewidmet: Bereits am Freitagabend wurden alle „Schmutzfinken“, zu denen ich ja auch gehörte, auf’s Helideck bestellt, um „vorgewaschen“ zu werden. Man geht zu solchen Anlässen am besten im Blaumann. Neptuns Polizei stand schon parat, um uns aneinander zu ketten mit Kabelbindern (aber locker), ich habe gekämpft wie ein Berserker und war über meine eigenen Erfolge erstaunt!
Einige Polizisten waren so erschrocken, weil so unerwartet, dass sie zunächst völlig verblüfft waren und kaum reagierten. Wir machten also eine freundschaftliche Rauferei, ehe wir dann zu Zweit sowohl zusammen wie auch am Netz das Helidecks festgemacht waren. Wir haben soooo gelacht, alle miteinander! Dann öffnete sich die Tür des Heli-Hangars und heraus traten Kapitän, „Triton“ als Neptuns Berater (Wann haben Berater schon mal was Vernünftiges gemacht???) und der Hofnarr. Nach einleitenden Worten wurden wir dann auf Neptuns Besuch am Folgetag vorbereitet in Form einer Waschung mit Meerwasser aus einem großen Wasserwerfer – alles zwar nass, aber ungefährlich! Der Abend war frei, doch auf unseren Kammern hatten wir eine Einladung zum Frühstück: in netter gemütlicher Atmosphäre gemeinsam zu
frühstücken mit reichhaltigem Büffet. Wir hatten auf allen Vieren in den Frühstücksraum zu krabbeln, wurden gecheckt, ob richtig gekleidet (Herren mit Krawatte, Damen mit Hut) und mussten dann zu reservierten Tischen krabbeln, am Kapitänstisch vorbei. Zu essen gab es trockenes altes Brot und gesalzenen Kaffee. Da war der Appetit nicht gross… Später wurden wir eingesperrt, um auf Neptuns Ankunft zu warten, das war richtig lustig, weil sich eine kleine Schicksalsgemeinschaft bildete, die jetzt auch noch die Taufzeitung zu erstellen hat.
Dann kam Neptun mit Thetis, der Priester gab uns gute Wünsche mit auf den Weg und dann begann die Taufe. Weil ich mir meinen Taufnamen nicht merken konnte, musste ich die Taufrunde dreimal machen – und war danach so verdreckt und stinkend, dass ich die heiße Dusche an Deck gerne in Anspruch nahm. Was haben wir alle – Täufer und Täuflinge – für einen Spass gehabt! Abends gab es Spanferkel und frische Sachen von Grill – und es wurde ein wunderbarer gemütlicher Abend, mit Tanz!
Und jetzt komme ich schon auf die unerfreulichen Nachrichten aus Deutschland zurück – HRE–Manager bekommen dicke Boni, AKWs sollen länger laufen – liegt es am Alter oder warum denke ich immer häufiger, dass früher manches besser war?
Jetzt bereite ich mich also nicht nur gedanklich auf die Rückreise vor, in etwa zehn Tagen bin ich wieder da! Damit verabschiede ich mich aus der Baffin Bay, von den Leserinnen und Lesern und freue mich auf ein fröhliches Wiedersehen in Deutschland!
(E-Mail vom 28.09.10 20:26:47 -0000 (GMT))
Ein Link zum Intro der Berichtserie und eine ständig aktualisierte Liste der Berichte gibt es auf dieser Seite.
Link zur Greenpeace-Aktion gegen Tiefsee-Ölbohrungen in der Arktis.
Bilder und Info zu Qeqertarsuaq in Wikipedia.